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Samstag, 20.12.2008

Rezensionen von renommierten Experten

 

www.daedalus-verlag.de/front_content.php?idcat=12&idart=104


„Halstenberg hat die Gabe, eine geistreiche Belesenheit aphoristisch einzusetzen.“
Prof. Dr. Dr. Heinz Abels

„Alles brennt wie ein Feuerwerk ab, man staunt, wendet ein und kommt doch auf seine Kosten.“
Prof. Dr. Dr. Heinz Abels

„Das Buch ist nach Form und Inhalt selbst ein Kunstwerk.“
Prof. Dr. Peter Kutter

„Ich bin beeindruckt von der Fülle des Materials, der anschaulichen Darstellung und unserer grundsätzlichen Übereinstimmung über Kunst, die schon in den Leitsätzen zum Ausdruck kommt.“
Prof. Dr. Leo Navratil

„Ein Buch für alle Querdenker mit einem Faible für Interdisziplinäres. Ein neuartiger interdisziplinärer Entwurf. Unterhaltsame und spannende Wissensvermittlung mit vielen anschaulichen Fallbeispielen aus Literatur, Malerei, Musik, Film, Theater, Werbung. Das alles geschrieben in einer erfrischend klaren und kraftvollen Sprache. Dr. Volker Halstenberg bringt Psychoanalyse und Kybernetik auf innovative Weise zusammen, auf das sie miteinander verschmelzen und sich gegenseitig befruchten. Ein Muss für Analytiker, Therapeuten, Trainer, Manager oder Kulturschaffende, die für die Stimulationen der Kunst empfänglich sind. Das Lesen war wie das Betreten eines Puder-Raums in einem Rokoko-Schloss. Für einen Moment ist nichts mehr zu sehen, doch dann fällt es einem wie Schuppen von den Augen.“
Dr. Joachim Bröcher

„An den vielfältigen Betrachtungen über Kunst beeindrucken besonders die Gedanken über Gegensatz, Kontrast und Polarität als Ursprung von Spannung und Kreativität.“
Dr. med. Claudia Sies


Die Psyche als System – Psychische Phänomene und ihr Ausdruck in der Kunst aus kybernetisch-psychoanalytischer Sicht
von Sarah Bergmann

http://Zeitschrift für Kultur- und Kommunikationspsychologie

"Seit der Erfindung der Psychoanalyse durch Sigmund Freud vor ungefähr einem Jahrhundert wurde diese in viele Richtungen weiterentwickelt. Man denke zum Beispiel an die Individualpsychologie von Alfred Adler, die Urschrei-Therapie von Arthur Janov, die Bioenergie-Lehre von Wilhelm Reich oder die strukturalistische Psychoanalyse von Jacques Lacan. In seinem 2003 im Daedalus-Verlag erschienenen Buch “Psychopatho-Logik” (217 S.; 24, 80 €) stellt Dr. Volker Halstenberg einen neuen Ansatz vor: kybernetische Psychoanalyse.

In Halstenbergs kybernetischer Psychoanalyse wird die Psyche als autopoietisches System verstanden, das sich seine eigene Welt kreiert. Halstenbergs radikal konstruktivistische These lautet: “Autopoietisches Selbstmachen i. S. individueller Selbstkonstruktion psychischen Erlebens bedeutet, dass jeder seiner kognitiv-affektiven Eigenwelt Schmied ist, dass es folglich keine objektive Wirklichkeit und keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur subjektive Wirklichkeits-Konstruktionen und subjektive Wahrheiten. Jeder Mensch sieht und erlebt die Welt anders und so tummeln sich über sechs Milliarden “Eigen-Welten” auf unserem Planeten.” (S. 25)

Das Gesamtsystem Psyche gliedert sich in mehrere Subsysteme, die jeweils nach ihren eigenen binären Leitcodes operieren: “Im ES als Haupt-Repräsentanten des Unbewussten und “Sitz” der Leidenschaften und Lebenstriebe heiβt der binäre Code: lustvoll/unlustvoll […]. ÜBER-ICH als eine Art innerer Richter, der über Zulässigkeit von Informationen bestimmt, orientiert sich an gut/böse bzw. zulässig/unzulässig. […] Schlieβlich orientiert sich das ICH […] mit seinen Primärfunktionen Sprechen, Denken, Planen und Handeln am Code: real/irreal.” (S. 37)

In “Psychopatho-Logik” erfährt man viel über die klassische Psychoanalyse. So wird auch die Entstehung der psychischen Subsysteme in ihren wesentlichen Zügen traditionell nach dem Freud’schen Modell erklärt:
In der sogenannten oralen Phase (bis Ende des ersten Lebensjahres) herrscht uneingeschränkt das ES. Das Baby strebt nach Lust, diese wird v. a. in der Nahrungsaufnahme und durch die Wärme und Geborgenheit, die der enge körperliche Kontakt mit der Mutter bietet, erfahren.
In der analen Phase (zweites und drittes Lebensjahr) entwickelt sich das ICH. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Objekt Kot, dem ersten selbstgeschaffenen Produkt, und durch das willkürliche Ausscheiden und Zurückhalten desselben lernt das Kind “eine immer bessere Differenzierung von innen und auβen, ICH und Welt” (S. 51) und es lernt seinen eigenen Willen gegenüber der Welt zu behaupten.
In der dritten frühkindlichen Phase, die den Namen phallische oder genitale Phase trägt und im vierten bis sechsten Lebensjahr angesiedelt ist, entwickelt das Kind libidinöse Affekte gegenüber dem gegengeschlechtlichen Elternteil und Eifersuchts- und Haβgefühle gegenüber dem gleichgeschlechtlichen. In dieser Phase konstituiert sich durch Übernahme der Normen und Wertvorstellungen der Eltern das ÜBER-ICH. Dieses sorgt dafür, daβ die aggressiven Impulse gegenüber dem gleichgeschlechtlichen Elternteil von Schuldgefühlen und Strafphantasien (beim Jungen auch Kastrationsangst) begleitet werden.

Alle Systeme sind um Selbststabilisierung bemüht. Zur internen Selbststabilisierung der Psyche gehört wesentlich, daβ das ICH unerlaubte Triebe und Wünsche, traumatische Erlebnisse, sowie unerträgliche ÜBER-ICH-Forderungen ins Unbewuβte verdrängt. Die Abwehrmechanismen, die dem ICH dabei zur Verfügung stehen, werden in “Psychopatho-Logik” ausführlich beschrieben. Doch das ICH als Kybernetes (griech. Steuermann) der Psyche leistet noch weit mehr für das psychische Gleichgewicht; es kann verbotene Wünsche nicht nur verdrängen, sondern zum Teil auch völlig unschädlich machen: “Es “trimmt” ES-Impulse auf Sozial-Akzeptanz und neutralisiert dadurch Konflikte mit der Umwelt und dem ÜBER-ICH, sorgt damit letztlich wieder für lustvolle Homöostase.” (S. 128)
Stabilität gegenüber äuβeren Einflüssen erreicht die Psyche dadurch, daβ sie weitestgehend ignoriert, was nicht in ihre Strukturen paβt. “Autopoietische Systeme”, schreibt Volker Halstenberg, “zeichnen sich durch selbstreferentiell-zirkuläre Operativität und hochselektiven Austausch mit spezifischen Umwelten aus.” (S. 40) Auf diese Weise entsteht die “dynamische Stabilität” eines normalen Charakters. “Charakterstörungen dagegen”, heiβt es weiter, “sind Selbstreproduktionen von Eigenzuständen, die nicht zeitgemäβ evoluieren, sondern invariant auf einer unzeitgemäβen Betrachtung propellieren. Die zwangsneurotische Charakterstruktur e. c., die unter besonders pflegewütigen Automobil-Fetischisten zu erkennen ist, basiert auf der Omnipräsenz von Erlebens- und Verhaltensweisen, die in der analen Phase wurzeln.” (S. 43)
Wie aber kann dem gestörten Charakter, der sich gegenüber Umwelteinflüssen verschlieβt und kosequent auf seiner Eigenlogik beharrt, geholfen werden? Laut Halstenberg ist dies nur durch den “heilsamen Schock der Differenz” (S. 147) möglich. Nachdem sich der Therapeut so gut es geht in die Eigenwelt des Patienten eingearbeitet hat, fungiert er als Störer, durch “Irritation und Perturbation”gibt er den ersten Anstoβ zur Heilung, die “entscheidende Wandlung” muβ die kranke Psyche jedoch aus sich selbst heraus vollziehen. (S. 123 u. 194)

In “Psychopatho-Logik” werden viele verschiedene psychische Erkrankungen analysiert. Dabei kommen neben der kybernetischen Psychoanalyse oftmals auch verwandte Theorien aus anderen kulturellen Kontexten zu Wort. So beginnt Halstenberg seine Betrachtung der Melancholie beispielsweise mit einer Darstellung der antiken Humorallehre. Empedokles und Hippokrates vertraten die Auffassung “der menschliche Körper setze sich physiologisch aus vier Säften (quattuor humores) mit jeweils binären Eigenschaften zusammen: der Schwarzen Galle (kalt-trocken), der Gelben Galle (warm-trocken), dem Phlegma (kalt-feucht) und dem Blut (warm-feucht). […] Befinden sich die vier Säfte im harmonischen Gleichgewicht (Krasis) – hier zeigt sich die antike Humoralpathologie als Vorläufer des Homöostase-Konzepts –, ist der Mensch gesund; […] Melancholie entsteht durch entsprechende Mischung der Säfte unter Dominanz der Schwarzen Galle.” ( S. 58f.)
Psychoanalytisch betrachtet ist Melancholie ein Konflikt zwischen ICH und ÜBER-ICH, der bei Verlust einer geliebten Person (nicht im Falle deren Todes, sondern bei Trennung / Scheidung von ihr) entsteht. “Libido, die dem Objekt anhaftet, geht mit dem Verschwinden desselben nicht auf ein neues Objekt über, sondern wird […] ins eigene Ich zurückgenommen. Narzisstische Introjektion oder Inkorporierung des ambivalent besetzten (hassgeliebten) Objektes. Das ÜBER-ICH nun betrachtet jenes internalisierte Objekt als fremdartiges, äuβeres Ding, nicht zur Person gehörig, und […] möchte es am liebsten aus dem psychischen System hinauskatapultieren.” (S. 65)
Die kybernetisch-psychoanalytische Beschreibung dieses Konflikts lautet: “Psycho-System A steht mittels struktureller Koppelung mit Psycho-Syystem B in einer ambivalenten Kommunikationsbeziehung. B fällt faktisch aus, bleibt jedoch als Unsicherheitsfaktor im Gedächtnis von A präsent. […] A macht B in Form einer zweiwertigen (Liebe/Hass) Konstruktion zu einem integralen Bestandteil seiner Selbstorganisation ( = neue Substruktur). Dieser Integrationsversuch führt logischerweise zu Systemstörungen […]” (ebd.)
An dieser wie an einigen anderen Stellen kann sich die Frage aufdrängen, was man eigentlich dadurch gewinnt, daβ ein und derselbe Sachverhalt noch einmal mit kybernetischem Vokabular ausgedrückt wird. Man muβ sich dabei aber vor Augen halten, daβ es Volker Halstenberg nicht darum geht, die Psychoanalyse zu revolutionieren; laut Halstenberg war Freud im grunde selbst Kybernetiker (S. 8), und so besteht das wesentlich Anliegen von “Psychopatho-Logik” darin, Freuds kybernetische Vorstellungen explizit zu machen und durch Hervorhebung dieses systemtheoretischen Aspekts ein neues Licht auf die Vorgänge in unserer Psyche zu werfen.

In “Psychopatho-Logik” spielt die Kunst eine wichtige Rolle. In der Kunst sieht Halstenberg groβes Heilungspotential, denn zum einen kann der psychisch Erkrankte durch künstlerisches Schaffen seine Konflikte verarbeiten, sich Wut, Ängste, Trauer etc. von der Seele schreiben / malen / musizieren, und zum anderen findet der Analytiker in den Kunstwerken seines Patienten viele Hinweise darauf, wo dessen Probleme liegen. (S. 87)
Halstenberg (der neben Psychologie, Psychosomatischer Medizin, Psychoanalyse und Kommunikations-Wissenschaften auch Kunstgeschichte studiert hat) betätigt sich in “Psychopatho-Logik” selbst als Analytiker und stellt dar, was bestimmte berühmte Kunstwerke über die psychische Beschaffenheit und die Biographie ihrer Schöpfer verraten.
Bei seinen Kunstbetrachtungen nimmt Halstenberg aber nicht nur einzelne Werke, sondern auch ganze Kunstströmungen in den Blick und analysiert diese aus soziopsychologischer Perspektive. In seinem “Fallbeispiel Surrealismus” schreibt er: “Der Surrealismus entwickelte sich […] aus einer kollektiven Sinnkrise. […] Man stand im dritten Dezennium des 20. Jahrhunderts. Zeit des blühenden Industriekapitalismus. Der Mensch denaturierte zum gepeinigten Knecht einer seelenlosen Produktionsmaschinerie. Ratio-technoide Autokratie. Kein Platz für sinnlich-emotionale Lebensqualitäten. […] Zwangsläufige Folgen dieser schizoiden Lebensverbrämung waren […][q]ualvoller Selbst- und Weltverdruss. Horror vacui. Angst. […] Die surrealistischen Exponenten wollten auf regressiv-introspektivem Wege jene zeitgenössischen Frustrationen und Deprivationen kompensieren, das Innere nach auβen kehren, um den zivilisationskranken élan vital durch Imaginäres, Irrationales, Chimärenhaftes neu zu beleben. […] Wie keine andere Kunstrichtung schöpft die surrealistische Malerei aus dem dämonischen Unbewussten mit seinem schier grenzenlosen Reservoir an obskuren Gestalten und polyvalenten Symbolen.” (S. 159-62)

“Psychopatho-Logik” ist ein interessantes, in originellem Stil verfaβtes Buch, das durchaus auch für Laien eine gewinnbringende Lektüre sein kann, sofern diese sich die Mühe machen, den ein oder anderen Fachterminus nachzuschlagen, denn nicht jeder wird (hinreichend) erklärt."
Volker Halstenberg: Psychopatho-Logik. Kybernetik – Psychoanalyse – Kunst – Kreativität.
Münster 2003

Dr. Volker Halstenberg bei brainGuide
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Mittwoch, 10.12.2008

Leitsätze

„Kunst ist eine Krankheitsform.”

 

                                               Robert Musil

 

 

„Krankheit ist wohl der tiefste Grund/Des ganzen Schöpferdrangs gewesen/

Erschaffend konnte ich genesen/ Erschaffend wurde ich gesund.”

 

                                               Heinrich Heine

 

 

„Am Verhalten des Irrsinnigen sehen wir, wie nahe sich die Tollheit

mit den kraftvollsten Entfaltungen der Seele begegnet.”

 

                                               Michel de Montaigne

 

 

„Wer sich ein galoppierendes Pferd nicht auf einer Tomate vorstellen kann,

ist ein Idiot.”

 

                                               Salvador Dali

 

 

„Schizophrenie ist für den Dichter wichtiger als Grammatik.”

 

                                               Ernst Robert Curtius

 

 

„Pathologisch! Fassen wir nur gefälligst die Begriffe weit genug,

und es werden die Hölle und der Himmel hineingehen.”

 

                                               Hugo von Hofmannsthal

 

 

„... dass dies alles eben darum in einer Art wahr ist, weil es in einer Art falsch ist.”

 

                                               Augustinus

 

Zielsetzungen und Selbstverständnis

Das Buch ventiliert Kunst, Kunstwerke und Künstler aus kybernetisch-psychoanalytischer Perspektive unter dem Tenor, dass alle psychischen Prozesse, die sich in künstlerischen – und anderen – Köpfen abspielen, egal wie abstrus oder krankhaft sie auf den ersten Blick erscheinen mögen, einen basalen Sinn haben: nämlich Selbststabilisierung und Selbstheilung. Dass also Kunstschaffen in seinen vielfältigen Facetten einen konstruktiven Weg darstellt, psychische und psychosomatische Instabilitäten oder ein aus den Fugen geratenes Selbsterleben in Ordnung zu bringen.

Das erste Kapitel beginnt mit einer Übersicht traditioneller psychoanalytischer Techniken und unternimmt dann den Versuch, eine neuere Variante darzustellen, die aufgrund ihrer kreativen Synthese aus Kybernetischer Systemtheorie und Freud‘scher Psychoanalyse KYBERNETISCHE PSYCHOANALYSE genannt wird. Sie kann mehr beobachten und erklären als Systemtheorie und Psychoanalyse in ihrer singulären Form. Zwei Theorien sehen bekanntlich mehr als eine, könnte man salopp formulieren. Wohl wissend, dass der Eklektizismus-Vorwurf lauert. Aber wie meinte Werner Heisenberg so trefflich: „Die fruchtbarsten Entwicklungen haben sich überall dort ergeben, wo zwei unterschiedliche Arten des Denkens zusammentrafen.” Oder um es mit Paul Feyerabend zu sagen: „Anything goes.“ Nur der Nutzen zählt.

Ich werde zeigen, dass Freud, ohne es zu wissen, im Grunde selbst Kybernetiker, Systemtheoretiker, Strukturdeterminist und Konstruktivist war. Seine binär codierten Psycho-Systeme ICH, ÜBER-ICH, ICH-IDEAL und ES, sprechen diesbezüglich eine ebenso eindeutige Sprache wie sein Strukturdeterminismus. Ganz zu schweigen davon, dass die Bedeutung der Psychoanalyse non modo in ihrer analytischen, sed etiam in ihrer synthetisch-kybernetischen Potenz liegt. Denn: „Nach der Analyse des kranken Seelenlebens muß die Synthese desselben folgen!“ (FREUD 1919/242) Vornehmliche Aufgabe der Psychoanalyse ist die Reintegration eines fragmentierten, zerrissenen Seelenlebens in ein kohärentes und konsistentes System. (FREUD ebd.)

Um den Leser mit meinem Ansatz vertraut zu machen, wird zunächst die Kybernetische Systemtheorie in wesentlichen Grundzügen anschaulich und handgreiflich skizziert. Deutlich gemacht wird unter anderem, dass Systeme, egal ob Gehirn, Psyche, Bewusstsein, Unterbewusstsein oder Körper

· erst durch Unterscheidung, Differenzierung, Abgrenzung

von einer Umwelt ihre spezifische Identität erhalten,

zugleich aber hochkomplexe Beziehungen zur Umwelt

unterhalten. Systeme sind offen und geschlossen zugleich.

· auf zwei phänomenologischen Ebenen operieren:

Struktur- und Prozessebene. Beide stehen zueinander in

Kontiguität, wie Stabilität und Dynamik, Beständigkeit und

Wandel.

·  primär mit Eigenwerten/Eigenzuständen/

Eigenerlebnissen: letztlich Eigen-Informationen arbeiten.

·  eigensinnige Informations-Verarbeitungs-Organisationen

sind, die ihre eigene Welt konstruieren und mehr oder

weniger rigoros stabilisieren.

· nicht direkt von außen beeinflussbar sind, sondern nur

indirekt durch Störung und Irritation.

Punkt vier dokumentiert an vielen Beispielen und Freud-Zitaten die verblüffenden Übereinstimmungen zwischen psychoanalytischem und kybernetischem Denken.

Am Ende des ersten Kapitels wird das Quartett Kunst/Kunstwerk/Kommunikation/Kunst-Wirkung aus Sicht der Kybernetischen Psychoanalyse begrifflich spezifiziert und eine entsprechende Darlegung über Produktion, Ambition und Rezeption von Kunst vorgenommen.

Kunst ist im Grunde ein doppelter Konstruktions- und Erlebnisprozess, weil sich das Kunstwerk zunächst als Erlebniskonstrukt in der quadrophonen Psyche des Kunstschaffenden konstituiert und später – nach Überführung in den öffentlichen Raum von Galerien, Museen u. ä. – von ebenfalls quadrophonisch strukturierten Kunst-Interessenten auf eigensinnige Weise rekonstruiert und erlebt wird.

Kunstrezeption ist, selbst wenn sie sich in der Öffentlichkeit vollzieht, letzten Endes reines Privat-Unterfangen. Denn die individuell wahrgenommenen Erscheinungsformen von Welt und allem, was dazu gehört, unsere psychische Realität, ist eine Existenzform sui generis, die mit der äußeren Realität nicht notwendigerweise übereinstimmt. (FREUD 1900/587) Jeder Kopf konstruiert seine eigene Wirklichkeit und es ist eine gefährliche Wahnidee – Orwell würde von think crime sprechen –, die eigene Wirklichkeit für die Wirklichkeit schlechthin zu halten.

Im zweiten Kapitel wird die Klarifikations-, Deutungs- und Therapie-Kompetenz der Kybernetischen Psychoanalyse entfaltet. Neben diversen Neurose-/Psychoseformen und psychovegetativen Syndromen werden Autismus, Schizophrenie, Melancholie und ihr Verhältnis zur artistischen Kreation erörtert. Ich werde mich mit Lust, Tod, Homöostase und Ästhetik beschäftigen und zeigen, was Urverdrängung und künstlerischer Stil mit autopoietischer Selbstthematisierung zu tun haben.

Verschiedene psychopathologische Ausdrucksformen werden im ganzheitlichen Sinne zusammen mit ihren somatischen Erregungskorrelaten dargestellt. Schließlich ist „das Verhältnis zwischen Leiblichem und Seelischem ... eines der Wechselwirkung.” (FREUD 1890/18)

Beispielsweise beeinflussen unsere Gefühle – sie bringen immer eine Bezogenheit-zu-etwas, eine Relation, einen Unterschied, zum fühlbaren Ausdruck – nicht nur bestimmte Bewegungsmuskeln des Gesichts, sondern bestimmte Bewegungsmuskeln können ihrerseits neurologische Systeme innervieren, die wiederum direkten Einfluss auf die Gefühle haben. Man hat es hier mit zirkulären Kausalitäten oder kreisförmigen Wechselwirkungs-Prozessen zu tun, für die Engel 1970 den Begriff »Somato-Psycho-Somatosen« prägte.

Selbst die Umgangssprache dokumentiert mit einschlägigen Redewendungen: »Etwas schlägt einem auf den Magen, geht unter die Haut oder an die Nieren«, den kreisförmigen Zusammenhang zwischen Psyche und Soma, wenngleich diese Binsenweisheit im Lebensalltag und in der medizinischen Praxis viel zu selten berücksichtigt wird. 

Das dritte Kapitel umfasst sechs Fallbeispiele, in denen vier verschiedene Kunstbereiche kybernetisch-psychoanalytisch reflektiert werden: 1. Drama (W. Sheakespeare: King Lear); 2. Malerei (hier stehen der Surrealismus sowie M. Chagall und R. Magritte im Fokus); 3. Film (insbesondere A. Hitchcocks Œuvre) und 4. Werbung.

Der Schlussteil kondensiert noch einmal in Kürze die Vorteile meines Ansatzes und das Selbstverständnis des Kybernetischen Psychoanalytikers.

 

Wie die kybernetisch-systemischen Therapeuten empfiehlt Freud, die eigene wissenschaftliche Weltsicht immer wieder infrage zu stellen und therapeutische Strategien individuellen klinischen Erfordernissen anzupassen!

 

Der Kybernetische Psychoanalytiker versteht sich nicht als ex-zentrischer, objektiver, allwissender Korrektor, der ex cathedra das Recht hat, seine Meinung und Wirklichkeitsauffassung – als vermeintlich einzig wahre und richtige – dem Analysanden aufzuzwingen. Er weiß um sein teilnehmendes Involviertsein, um das Dia-Logische der therapeutischen Situation, und er ist sich darüber im Klaren, dass seine Interventionen »nur« im Sinne einer Anleitung zur Selbstheilung fruchten können. Dies setzt voraus, dass er den Patienten in seiner affektlogischen Eigensinnigkeit akzeptiert und versteht. Er wird sich mit Bezug auf die individuelle Störung stets fragen: Was ist ihr Sinn? Welche Funktion erfüllt sie in der Selbstorganisation?
Sinn-suchendes und Sinn-stiftendes Nachvollziehen des krankhaften Eigenlebens, vielleicht kann man so Empathie spezifizieren, ist die Erfolgsbasis jedes therapeutischen Eingriffs. Der klinische Fall bestimmt die Regeln. Unmissverständliche Aussage von Freud (1913/183):

„Die außerordentliche Verschiedenheit der ... psychischen Konstellationen, die Plastizität aller seelischen Vorgänge und der Reichtum an determinierenden Faktoren widersetzen sich ... einer Mechanisierung der Technik ... .”
Und von Ludewig (1995/147):
„Die Schulung in systemischer Therapie soll den Therapeuten ... nicht darauf vorbereiten, fertige Muster technisch versiert anzuwenden, sondern befähigen, mit Blick auf die Besonderheiten seiner Praxis selbständig zu denken. Therapeuten müssen der Vielfalt unterschiedlicher Therapiesysteme mit eigener Flexibilität begegnen und verschiedene Therapeuten »verkörpern« können. Sie haben also mehr - nämlich Vorurteile und starre Haltungen - zu »verlernen«, als Vorgegebenes zu erlernen.”

Es gibt keine allgemein gültigen Erfolgsregeln, so wenig wie es absolute Wahrheiten gibt. Bis auf die des Franziskaner-Mönchs William von Baskerville in Ecos »Name der Rose«: Lernen, sich von der irreführenden Leidenschaft für DIE Wahrheit zu befreien.
Eigene wissenschaftliche Weltsicht immer wieder infrage stellen und therapeutische Strategien individuellen klinischen Erfordernissen anpassen sind die einzigen Wege, um sich vor philisterhafter Engstirnigkeit, Fehlannahmen und Fehlinterventionen weitgehend zu schützen. Freud hat das 1919 mit dem Terminus der tendenzlosen Psychoanalyse umrissen. Oft hörte man ihn zu seinen Lehranalysanden sagen, sie sollten zu Beginn der Analysestunde alles vergessen, was sie wüssten und nur gut zuhören.
Dass der Begründer der Psychoanalyse alles andere als orthodoxer Freudianer war, dokumentiert auch das im obigen Zitat anklingende, pluralistische Therapieverständnis und das breitgefächerte Spektrum seiner therapeutischen Mittel. Ganz nach Art der Kybernetischen Psychoanalyse, die eben nicht nach stereotypen Patentrezepten operiert, sondern das Patente aus diversen Therapiesystemen je nach klinischem Kontext zu nutzen weiß. Ohne dabei – und selbst wenn – den Vorwurf des therapeutischen Eklektizismus in Kauf nehmen zu müssen. Schließlich ermöglicht ihre metatheoretische Integrationsfunktion, frei von wissenschafts-theoretischen Verzettelungen auf verschiedene Therapieverfahren, die ich durchweg als kognitiv-affektive Regelsysteme betrachte, zuzugreifen. Und überhaupt: Jeder Analytiker sollte im Blick behalten, dass bei allen terminologischen und praktischen Unterschieden jede »Schule« darum bemüht ist, psychische und psychosomatische Prozesse zu verstehen, zu erklären und zu reorganisieren; mit dem Ziel rascher Genesung des Patienten. Die ist durch ausgeprägte Flexibilität im Denken und Handeln besser zu gewährleisten als durch beharrliche Fixierung auf dogmatische Schulweisheiten.

 

Sonntag, 07.12.2008

Autopo(i)etik des Traums

Träume entstehen nach Freud, indem sich unverarbeitete Tages-Erlebnisse mit einem unbewussten (latenten) Traumgedanken verbünden und unter Einwirkung der Traumarbeit – Symbolisierung, Verdichtung, Verschiebung, sekundäre Bearbeitung – primärprozesshaftes Bild-Material konstruieren, das durch autopoietische Eigensinnigkeit in Form einer zirkulären Verknüpfung vergangener, gegenwärtiger und antizipierter Erlebnisse gekennzeichnet ist. Daher findet sich im Traum – und in der Neurose – sowohl das Kind mit seinen affektlogischen Eigenheiten als auch der homo primitivus, wie ihn die Anthropologie beschreibt, als auch der Mensch in einer zukünftigen (erwünschten) Daseins-Form.

Ähnlich dem Nachttraum bewegen sich Tagtraum und Kunstschaffen zwischen drei Zeitebenen des Erlebens: Ein gegenwärtiger Anlass, aktiviert einen großen individuellen Wunsch, verbindet sich alsdann mit der Erinnerung an ein früheres, meist infantiles Erlebnis, in dem jener Wunsch erfüllt war und schafft nun eine auf die Zukunft bezogene Situation, in welcher der Tagtraum-Wunsch erneut in Erfüllung geht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind durch das geistige Band der Fantasie miteinander verbunden. (FREUD 1908/174)

Freud unterscheidet manifesten und latenten Traum, differenziert eine Zwei-Seiten-Form mit einer Oberflächen- und einer Tiefenstruktur. Erstere kondensiert die bewussten Erlebnisse während des Schlafs, die jemand nach dem Erwachen möglicherweise erinnert. Die Tiefenstruktur verweist auf die unbewussten, teilweise verdrängten Erlebnisse (Gedanken, Vorstellungen, Affekte, Wünsche), die den Träumenden aufzuwecken drohen. Manifester und latenter Traum sind zwei Darstellungen desselben Inhalts in zwei verschiedenen Sprachen.

Die Übersetzung latenter Traumerlebnisse ins Manifeste heißt Traumarbeit. Sie operiert mit oben genannten Abwehrmechanismen, die, obgleich eingeschränkt, selbst während des Schlafs gegen das Bewusstwerden von solchen latenten Traumerlebnissen vorgehen, die dem Verdrängten zugehörig sind. ICH-Abwehr und moralische ÜBER-ICH-Zensur sind verantwortlich für die Eigen-Sinnigkeit des Traums und dafür, dass seine oftmaligen Wunsch-Erfüllungs-Qualitäten für den Träumer i. d. R. unbeobachtbar und unbeschreibbar bleiben.

Wunsch- und infantile Trieberfüllung sind durchaus vereinbar mit Alp- und Strafträumen, wenn man bedenkt, dass selbige eine antizipierte Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne darstellen, die jedem verdrängten Wunsch anhaften. Indem er ängstigt oder straft, befriedigt der Traum das ÜBER-ICH.

„Es gibt keinen Traum ohne Triebwunsch. Obwohl dieser aus der Kindheit stammt, behält er seinen Anspruch auf Befriedigung das ganze Leben lang aufrecht.” (ALTMANN 1981/18)

Das nächtliche Drängen des Verdrängten wird beim Überschreiten eines bestimmten Schwellenwertes vom ICH registriert und anschließend in Form symbolischer Sinn-Äquivalenzen dekontaminiert. Da ICH bewusst und unbewusst operieren kann, können logischerweise die von ihm geschaffenen Symbole bewusst oder unbewusst sein. Trifft ersteres zu, bedeutet dies nicht zwingend, dass der Symbol-Sinn bewusst ist. Die Bedeutung eines bewussten Symbols kann im Dunkeln liegen, wie Freuds Analyse vom »Kleinen Hans« dokumentiert, der unter Pferdeangst litt. Über das Angst-Symbol »Pferd« war sich Hans im Klaren, nicht aber über die Tatsache, dass es sinnhaft für die verdrängten Objektrepräsentanzen seines Vaters stand. Lorenzer (1995/131) hat auf die sprachlichen Implikationen dieses Sachverhalts hingewiesen: dass Hans, wenn er »Pferd« sagte, im Grunde »Pferd+Vater« meinte, was weder ihm noch externen Beobachtern ohne weiteres zugänglich war. Ich komme auf Hans zurück.

 

Symbolsinn in Kunst und Mythologie

In der mittelalterlichen Malerei stand die Kröte symbolisch für den Teufel. Oft auch als gutaussehender, düsterer Mann mit Hörnern auf der Stirn und Pferdehuf dargestellt. Die Apokryphen des Evangelisten Johannes sagen, Gott habe Satans Gestalt verändert und ihm das Licht genommen, weil er stolz war. Gott selbst wurde lichtmetaphysisch zur Anschauung gebracht. Bei den alten Ägyptern wird die Muttergöttin Hathor in Kuhform, das aztekische Gegenstück Coatlicue als furchterregende Schlange dargestellt. Ein Segelboot verkörpert bei den Voodooisten auf Haiti den Meeresgott Agwe. Im indischen Hinduismus mit seinem unendlichen Pantheon an Göttergestalten zeigt sich Wishnu, der Erhalter, in den unterschiedlichsten Formen: als Eber, Schildkröte, Zwerg, Riese und Kentaur. Shiva, Erschaffer und Zerstörer in Personalunion, wird in seiner berühmtesten Erscheinungsform als kosmischer Tänzer dargestellt, der durch seinen Tanz die Rhythmen des Universums in Gang hält. Eine weitere Symbolisierung – zu sehen im Hindutempel von Elephanta – zeigt ihn als prächtige Skulptur mit drei Gesichtern: Auf der rechten Seite sein männliches Profil; auf der linken sein weibliches Komplement und in der Mitte die vollendete Einheit beider. Eine artistische Umsetzung Hegel‘scher Dialektik im 3-D-Format.

Brahma, der Schöpfer, eine andere zentrale Gestalt im indischen Götterhimmel, kommt wie Zeus bei Leda als Schwan daher. Selbiger ist in der altägyptischen Mythologie ein Fruchtbarkeitssysmbol.


Reichhaltig-ungeheuerliche Symbolwelten findet man in den sarkastisch-diabolischen Werken des spätmittelalterlichen Malers Hieronymus van Aken, genannt Bosch, dem unangefochtenen Meister des infernalischen Wahnwitzes, dessen Monstrositäten bis ins letzte Detail so erschreckend glaubwürdig sind.

Bosch liebt das Widernatürliche, Vernunftwidrige, führt zusammen, was nicht zusammen gehört, hybridisiert Lebendes und Totes, gibt dem Irrationalen Form, macht das Unfassbare greifbar. Seine kuriosen Figuren sind von solch widerlogisch-praller Lebendigkeit, als könnten sie jeden Moment aus dem Bilde springen.

Dieser geniale Niederländer bediente sich beim Kunstschaffen einer Methode, die „durch planmäßige Konzentration die unter der Bewusstseinsschwelle dumpfenden und blind emportauchenden Schattenwesen »anzujochen« lehrte” (FRAENGER 1985/22); mithin der méthode spontanée des freudianisch gesinnten Salvador Dali ähnelt und im bildnerischen Ergebnis große Parallelen mit den Surrealisten aufweist.

Ein kurzer Abriss über Boschs Symbol-Ikonologie, wobei ich mich auf die Werke »Garten der Lüste«, »Der Tisch mit den sieben Hauptsünden und den letzten vier Dingen«, »Der Landloper« und »Der Heuwagen« kapriziere.

Der Wundverband am Körper eines Abgebildeten kennzeichnet verlorene Existenzen wie Bettler und Landstreicher. Die Eule steht sowohl für Tücke, Nacht, Ketzerei als auch für Weisheit und Philosophie. Umgedrehte Trichter auf den Köpfen angeblicher Ärzte entlarven sie als Scharlatane und Quacksalber. Die geballte Faust suggeriert den Wahnsinn des Ballenden. Das Schwein steht für eine der sieben mittelalterlichen Todsünden: Völlerei (Gula). Weitere Todsünden sind: Eitelkeit/Hochmut (Superbia), symbolisiert durch Pfau und Hahn; Wollust (Luxuria), dargestellt durch Erdbeere und Kirsche; Geiz/Habsucht (Avaritia), oft durch einen Geldbeutel in Szene gesetzt; Wut/Zorn (Ira), erkennbar am wutverzerrten Rohling; Neid (Invidia), »die eigenen Eingeweide verzehrend« und Faulheit (Acedia), die »herumliegt« oder »am Stock geht«.

Sandalen aus Knochen und mit einem Pfeil durchbohrte Hüte sind dämonische Insignien der Bösewichte und Halunken. Lilie und Schwert bedeuten Milde und Kraft. Sumpftulpe, Heu und Kot sind funktionale Äquivalente für Geld. Der türkische Halbmond ist Sinnbild für Heidentum und Häresie. Sensemann und Skelett verkörpern Tod und Sterben. Der Baum steht für Erkenntnis und Leben. Hohle Bäume dagegen sind Todessymbole. Spiegel können auf Selbsterkenntnis sowie auf Eitelkeit verweisen. Der Hirsch repräsentiert die unverderbte reine Seele. Überdimensionale Ohren dokumentieren einen Lauschangriff auf die dämonengläubigen Nachbarn. Der Ibis symbolisiert Auferstehung. Die dreieckige Harve ist Wahrzeichen göttlicher Dreieinigkeit. Das Ei verweist auf den Ursprung des Lebens und der Welt. Die Nonne in Dominikanertracht personifiziert den Hauptteufel. Dazu muss man wissen, dass Bosch in einer Zeit lebte, als der dominikanische »Malleus Maleficarum« (Hexenhammer) Furore machte. Dudelsack, Turm und Messer sind Sinnbilder des Obszönen und Sündhaften. Der Biber steht für die Überwindung der Sexualität.


siehe Hieronymus Bosch: Der Garten der Lüste, rechter Flügel - innen: Die Hölle/Ausschnitt; Madrid, Prado.


»Sexualität« ist Stichwort für Freud‘sche Traumsymbolik:

Der männliche Phallus kann durch verschiedenste Objekte visualisiert werden (Man betrachte Dalis »Das Rätsel Wilhelm Tells« oder »Junge Jungfrau, die von den Hörnern der eigenen Keuschheit unzüchtig behandelt wird«), solange sie länglich gestreckte Formen aufweisen. Egal ob aerodynamische Sportwagen, Raketen, Bäume, Bananen, Nasen, Lippenstifte, Kerzen, Krawatten, Zigarren, Zigaretten oder Pfeifenstengel. Auch das sagenhafte Einhorn, das im Schoße der Jungfrau gebändigt wird, steht für die animalische männliche Sexualität.

Vaginal-symbolisch ist alles, was rund, elliptisch oder hohlräumig ist: Augen, Äpfel, Pfirsiche, Pflaumen, Blüten, Blumen, Vasen, Schubladen, Zimmer. Nicht grundlos spricht der Volksmund vom Frauenzimmer.

Ein höchst ambivalentes Sexualsymbol ist die Schlange. Sie kann sowohl den Penis als auch das verführerische Weib verkörpern. Etwa auf Franz von Stucks Gemälde »Die Sünde« (1893) und auf Michelangelos biblischem Deckenfresco »Sündenfall« in der Sixtinischen Kapelle.

Gottesanbeterinnen vereinigen Eros und Thanatos, Liebe und Tod, Freud und Leid. Geschlechtsverkehr manifestiert sich durch Reiten, Steigen, Stechen und Schießen. Kot steht für Geld und Besitz. Kastration wird häufig durch Zahnausfall und Köpfen dargestellt. Die Eltern erscheinen oft als König und Königin. Kinder und Geschwister tauchen in Form von kleinen Tieren und Ungeziefer auf. Man denke an den »armen Wurm« als Bezeichnung für den hilflosen Säugling. Sterben symbolisiert sich durch Abreisen. In Shakespeare‘s Hamlet (3. Akt, 1. Szene) spricht man vom Jenseits als unbekanntem Land „von des Bezirk kein Reisender jemals wiederkehrt”.

Wie gesagt, spielen bei der Traumarbeit neben Symbolisierung noch Verschiebung, Verdichtung und sekundäre Bearbeitung eine Rolle. Verschiebung als eine Art »operatives Displacement« bedeutet, dass im Traum oft Wichtiges durch Unwichtiges ersetzt wird, so dass gerade die ausschlaggebenden Phänomene als belanglose Randerscheinungen auftreten. Traumdeutung muss jede Einzelheit beobachten, wenn sie zu angemessenen Resultaten kommen will.

Bei der Verdichtung sind drei Arten zu unterscheiden:

1. Verdichtung von Personen mit ähnlichen Funktionen zu einer einzigen Figur. Zum Beispiel ist der Lehrer im Traum zugleich Vorgesetzter, Vater und Gott.

2. Verdichtung von Gegensätzen in einer Gestalt: Die böse Hexe als gute Mutter. Der grausame Vater als gerechter Herrscher.

3. Verdichtung von komplexen Objekt-, Ding- und Orts-Eigenschaften: Person X ist gekleidet wie A, hat physiognomische Züge von B, spricht wie C, humpelt wie D und wohnt im Haus von E. Freud (1900/294/318ff) spricht von Sammelpersonen und Mischbildungen.

Sekundäre Bearbeitung sorgt für die Kohärenz des Inkohärenten und die Konsistenz des Inkonsistenten. Sie ist vergleichbar mit der Postproduktions-Phase eines Spielfilms, wo geschnitten, geordnet, verbessert und zusammengefügt wird, bis ein schlüssiges Werk vorliegt, das dem Zuschauer vor Augen treten kann. Ähnlich endkontrollierend fasst die sekundäre Bearbeitung die fragmentierten und zerrissenen Sequenzen des Traums zu einer befriedigenden Gestalt zusammen.

Neben Trieb- und Wunschbefriedigung sind noch weitere Traumfunktionen von Bedeutung. Freud notierte 1915-16 in seiner 14. Vorlesung (SA I/225), der Traum könne „einen Vorsatz, eine Warnung, Überlegung, Vorbereitung, einen Lösungsversuch einer Aufgabe usw.”, also einen ICH-Anspruch erfüllen, und er könne darüber hinaus „allerlei Schädliches ... unschädlich machen” (1900/561). Womit auf seine Selbststabilisierungs- und Selbstheilungs-Kräfte hingewiesen ist, von denen auch der bekannte schwedische Psychoanalytiker P. Bjerre überzeugt ist. Wie er meine ich:

- Träume sind Versuche, Problem- und Konfliktlösungen in die Wege zu leiten.

- Erinnerndes Selbsterzählen und Aufschreiben des Traums zwingt zur detaillierten Vergegenwärtigung der Traumerlebnisse und schafft die Basis für Selbsterkenntnis.

- Zwiegespräch mit einem Psychoanalytiker vertieft das Traumverständnis. Zu beachten ist, dass das, was vom Patienten an Traum-Erlebnissen und Begleit-erscheinungen berichtet wird, auch wie es berichtet wird (flüssig oder stockend), von der Beziehungsqualität abhängt.

- Assoziationen und Einfälle zum manifesten Traum führen letztlich zum latenten Sinn und zur Zentralaussage.

Traumdeutungen, insbesondere genetische, sollten bei Personen mit ICH-strukturellen Störungen höchst behutsam vorgenommen werden. Eine Deutung wie „Der Fremde in Ihrem Traum war eigentlich ich und Sie wollten von mir in Ihrer Eigenschaft als Frau bewundert werden, fürchteten aber zugleich, ich könnte genauso verletzend reagieren wie Ihr Vater damals, als Sie sich als Sechsjährige schminkten und kleideten wie Ihre Mutter, um dem Vater zu gefallen, der Sie aber nur ausgelacht hat” – bei einer stabilen Neurotikerin durchaus angemessen –, kann bei einer Borderline-Persönlichkeit leicht strukturdeterminierte Neuauflagen präinfantiler Schmerzen beschwören. Die Patientin würde den Analytiker möglicherweise als verfolgendes, eindringendes, bösartiges Selbst-Objekt der Kinderzeit erleben.

- Verstehendes Erleben der latenten Traum-Mitteilungen führt oft zu heilsamen Erschütterungen und zu höheren Stufen der Selbsterkenntnis.

- Verbesserte Selbsterkenntnis eröffnet neue Wege der individuellen Lebensgestaltung. Insofern hat der Traum durchaus eine Zukunfts-Funktion und man kann ihn gleich Heideggers artificium als ein Ins-Werk-setzen einer futurologischen Wahrheit betrachten.

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Homöostasis - Entropie - Ästhetik

Ähnlich Hume spricht Kant vom Geschmacksurteil (KdU 1) als einer „auf das Gefühl der Lust und Unlust” bezogenen Vorstellung, „wodurch gar nichts im Objekt bezeichnet wird, sondern in der das Subjekt, wie es durch die Vorstellung affiziert wird, sich selbst fühlt.”

Ästhetische Wahrnehmung ist ein psychosomatischer Prozess, der Lust bereitet, euphorisiert, positiv stimmt, wenn das Kunstwerk »stimmt«. Stimmt es nicht, erleben wir Unlust, Disharmonie und Antipathie. Lust bedeutet immer Stimmigkeit in allen erdenklichen Richtungen.

Stimmigkeit und Unstimmigkeit – damit ergänzen wir unsere Ausführungen zur Kunst-Form – haben etwas mit organismischer Ordnung, mit Harmonie, Homöostase und Rhythmus, aber auch mit Hässlichkeit, Entropie und Tod zu tun. Veranschaulichend müssen wir zunächst einmal fragen, was Kunst eigentlich ist? Möglicherweise „die geflissentliche Hervorbringung des Schönen”, der anderen Seite des Hässlichen, wie Theodor Lipps im Sinne idealisierender antiker und renaissance-zeitlicher Kunstauffassungen à la Phidias, Leone Battista Alberti und Leonardo da Vinci meint, und was auch Pablo Picasso und Wassily Kandinsky – seines Zeichens Priester des Schönen – nicht in Abrede stellen? Aber was ist schön? (Schön leitet sich etymologisch vom altgermanischen »skau-ni« ab, das »schauenswert« bedeutet.) „Schön ist ein schönes Wort,” sagt Eggebrecht (1997/85), „vielleicht das schönste, das es gibt. Und zugleich ist es dasjenige ... Empfindungswort, das am wenigsten definierbar ist.” Nichtsdestoweniger versuchen wir‘s und fragen noch einmal: Quid pulchrum? Wenn der Künstler das formt, was er in sich hat, kann sein Werk schön genannt werden, wenn er seine cogitata species, funktionales Korrelat zur metaphysischen pulchritudo, zum Ausdruck bringt, meinen Plotin und Augustinus. Ähnlich spricht Michelangelo von Concetto, der schöpferischen Inspiration. Und der moderne Kandinsky sekundiert, dass das schön sei, was innerer Notwendigkeit entspringt. Das ist schön, was innerlich schön ist. Das ist schön, was innerlich stimmig ist, kann man auch sagen, was in Übereinstimmung mit den affektlogischen Eigenstrukturen und Eigenzuständen des Künstlers steht.

Offensichtlich existiert hier eine Verbindung zur aristotelischen Metaphysik, da es heißt (Averroes-Kommentar zum 7. Buch): „Ars nihil aliud est, quam forma rei artificialis, existens in anima artificis; quae est principium factivum formae artificialis in materia.”

Schön-Stimmigkeits-Lust entsteht, wenn was Psycho-somato-Logisches, eine eigensinnige ICH-Welt-Wahrheit, eine ES-ige Leidenschaft, eine ICH-IDEALE Vision, ein ÜBER-ICH-gesteuertes Strafszenario oder eine grandiose Verschmelzung aus all dem, wenn also eine wie immer geartete innere Notwendigkeit in schonungsloser Wahrhaftigkeit zur sinnlichen Anschauung gebracht wird.

Es ist die Potenz kondensierten Sinn-Erlebens, die ein Kunstwerk autonomisiert, unabhängig macht von Zeit und Raum, lebendig hält, weil sie in jedem neuen Rezeptionsakt aktualisiert.

Worin aber besteht sinnliche Schönheit? „Omnis corporis pulchritudo est partium congruentia cum quadam coloris suavitate”, antwortet Augustinus: Im richtigen Verhältnis der Teile zueinander in Verbindung mit einer gewissen Lieblichkeit der Farben. „Man nennt das schön, dessen Teile in entsprechenden Verhältnissen zueinander stehen, denn aus der Harmonie der Teile entspringt das Wohlgefallen”, sagt Dante (1265-1321), und steht damit wieder in der Tradition des Aristoteles, für den Harmonie, Symmetrie, Ordnung und Genauigkeit basale Schön-Stimmigkeits-Kriterien sind.

Thomas von Aquin (1225-1274) sieht pulchritudo artificialis insbesondere durch drei wechselwirkende Faktoren bedingt: 1. Vollkommenheit (integritas sive perfectio); 2. Proportion (proportio sive consonantia); 3. Klarheit, Reinheit, Glanz (claritas). Nach Thomas betrachtet man vornehmlich Dinge mit klaren, reinen Farben als schön. Gleicher Auffassung ist Arnold Gehlen, der allen Menschen eine unmittelbare Freude an symmetrischen, regelmäßigen, geometrischen und spektralfarbigen Gebilden nachsagt.

Und spielt nicht auch Rhythmus für unser ästhetisches Empfinden eine Rolle? Gibt es nicht eine Erlebens-Verwandtschaft zwischen den pulsierenden Rhythmen des koitierenden Körpers und den Rhythmen künstlerischer Ergüsse: dem Schwung einer Pinselführung, dem Tempo einer Symphonie oder eines Films, dem Versmaß eines Gedichts?

Prozessiert das Vegetativum stimmig, ist der Mensch mit sich und der Welt im Einklang: ein Zeichen von Gesundheit und Schönheit. Während arhythmische, disharmonische, unstimmige Körperfunktionen als Zeichen von Desorganisation, Krankheit, Leiden und Hässlichkeit gedeutet werden können. „Häßlich nennen wir das“, meint Auguste Rodin, Hauptmeister der impressionistischen Plastik, „was formlos ist, ungesund, was nach Krankheit, Leiden, Zerstörung riecht, was der Regelmäßigkeit entgegensteht - dem Zeichen von Gesundheit.” 

Regelmäßige, ausgewogene Rhythmen entsprechen dem ewigen Wunsch nach innerem Frieden, nach psychosomatischer Glückseligkeit, nach pränataler Einheitslust, nach Stimmigkeit eben. Alles Unausgeglichene, Unausgewogene, Chaotische fragmentiert und arhythmisiert das psychosomatische Selbsterleben, bringt es aus dem Takt. Deshalb erleben wir wohl das Kriminelle, das Unmoralische, das Böse, das Abnormale oft als hässlich. Es stimmt einfach nicht.

Im weitesten Sinne ist hässliche Unstimmigkeit Inhalt der Tragödie. Sie handelt von Zerstörung, Ruin und Qual, vom Verlust des Gleichgewichts. Schön und lustvoll an ihr sind Form und katharsische Potenz. Hässlichkeit kann ebenso ein Aspekt des Komischen sein, weil es jemanden zum Hanswürstchen, zum Dorfdeppen, zur Knallcharge macht, seine Schwächen pointiert, ihn karikiert, fragmentiert, depersonalisiert, irgendwie arhythmisiert. Integrität, Harmonie und Stimmigkeit sind verletzt.

Offensichtlich existieren ästhetische Gesetzmäßigkeiten, die zum pulchridinösen Kunstwerk führen. Harmonische Ausgewogenheit der Teile, stimmiger Rhythmus und Strukturvollkommenheit mögen besondere Bedeutung haben, weil sie besagterweise unserer ewigen Sehnsucht nach psychosomatischer Äquilibrität entgegenkommen. Entsprechend heißt es bei Wassily Kandinsky: „Die Harmonisierung des Ganzen auf der Leinwand ist der Weg, welcher zum Kunstwerk führt.”

Und doch ist das Schöne „nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir gerade noch ertragen, und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören.” Rilke leuchtet ein, wenn man das Schreckliche des Schönen mit der entropischen Friedlichkeit des perfekten artificiums kurzschließt. Es ist seine Statik, seine Unveränderlichkeit, seine Endgültigkeit, sein Tod, der Schrecken aller Schrecken, den wir fürchten und verdrängen wie nichts. Obwohl er doch nur die andere, die würzende Seite des Lebens ist. Leben ist Möglichkeit. Tod ist Unmöglichkeit. Möglichkeit existiert nur im Angesicht von Unmöglichkeit. Nur wer den Tod im Auge behält, weiß um die Kostbarkeit des Lebens. „Nur angesichts des Todes wird das Selbst des Menschen geboren,” sagt Augustinus.

Tatsächlich ist es wohl so, dass ästhetisches Wohlgefallen nicht auf reinem Lust-, sondern auf einem Simultan-Erleben polarer Gegensätze beruht. Hässlichkeit, Bosheit, Lüge, Chaos, Stillstand, Tod: sie sind im Schönen, Guten, Wahrhaftigen, Geordneten, Fließenden, Lebendigen als subtiles »Hintergrund-Rauschen« stets präsent, weil das eine nicht ohne das andere sein kann. Sowenig wie in der chinesischen Philosophie das Yin ohne das Yang existieren könnte. Es ist immer die Zwei-Seiten-Form, die Komplementarität des Gegensätzlichen, der Verweis des Einen auf das Andere, die Präsenz des Nicht-Präsenten im Präsenten, was die Vollkommenheit und Harmonie der Dinge und des Erlebens ausmacht. Es mag dies Freud im Kopf herumgegangen sein, als er 1929 schrieb: „... wir sind so eingerichtet, daß wir nur den Kontrast intensiv genießen können, den Zustand nur sehr wenig,” und damit Goethe huldigt, der in Weimar hyperbolisierte: „Alles in der Welt läßt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen.“

Alle großen Kunstwerke – egal welcher Couleur – haben ihr Prädikat verdient, weil es ihnen auf die eine oder andere Art und Weise gelungen ist, das Gegensätzliche zur Einheit zu bringen. Schönes und Hässliches, Göttliches und Satanisches, Apollinisches und Dionysisches, Faktisches und Mögliches: was wäre das eine ohne das andere? Wäre es überhaupt? Als William Faulkner 1950 den Nobelpreis entgegennahm, resümierte er, dass allein die Probleme des menschlichen Herzens im Widerstreit mit sich selbst gutes Schreiben ermöglichen. Nicht nur gutes Schreiben, möchte ich hinzufügen, sondern Schöpferisch-sein überhaupt.

Der wahre Künstler ist jemand, der Gegensätze und Widersprüche verdeutlicht und zugleich vereint. Er ist ein homo ambiguus et syntheticus, und diese Eigenschaften machen ihn zwangsläufig zum Kontingenz-gebeutelten Ironiker, zum Beobachter also, der sich selbst beobachtet; der bei allem, was er tut, und bei jeder Unterscheidung, die er setzt, weiß, dass alles immer ganz anders möglich ist.

Samstag, 19.07.2008

Retroflexive Affektlogik

Kultur und Gesellschaft konstruieren bei der individuellen Konstruktion von Welt und Wirklichkeit fleißig mit, indem sie dem Einzelnen eine symbolische Welt-Brille aufsetzen, die das bewusste und unbewusste Erleben und Verhalten bestimmt.

Unbewusste Prozesse erklären nicht nur die angerissenen Fehlfunktionen (Verlegen, Versprechen, etc.), sondern ganz allgemein alle vermeintlichen Diskontinuitäten und Sprünge in unserem bewussten Selbst- und Welterleben. Wenn aktuelle Bewusstseinsinhalte in keinem ersichtlichen Zusammenhang stehen mit dem, was zuvor in uns vorging, liegt das daran, dass dieses Erleben mit einem unbewussten – nicht mit einem bewussten – psychischen Vorgang korrespondiert. Da das Bewusstsein »lückenkonfiguriert« ist, steht es unter permanentem Interpolierungszwang, muss sich selbst mit Sinn supplementieren und diese Supplementierung übernimmt das Unbewusste. Es ist Lückenfüller des Bewusstseins.

Noch einmal: Nichts im psychischen Erleben geschieht grundlos. Alles hat Sinn, auch wenn er nicht sofort durchschaubar ist. Kausalität klingt an, aber eben von anderer Natur als die gemeinhin bekannte der makroskopischen Welt. Ich spreche von zirkulären Rückkoppelungen und erinnere daran, dass ein bewusster oder unbewusster Impuls oder ein Erlebnis nicht nur Anschlusssequenzen auslöst, sondern selbst wieder von diesen rück-beeinflusst wird.

Offensichtlich beeinflusst nicht nur die Vergangenheit die Gegenwart, sondern ebenso die Gegenwart die Vergangenheit. Persönliche Vergangenheit als interne Repräsentation zurückliegender Erlebnisse ist wie alles »Dahingeflossene« eine Zustandsfunktion gegenwärtigen Erlebens. Es unterliegt affektlogischen Bedeutungs-Schwankungen, interferiert zwischen stimmig und unstimmig, rekonstruiert sich zuweilen schön und dann wieder auch nicht. C’est la vie.

Wohlgemerkt implizieren diese reminiszenten Rekonstruktionen und Valenz-Attributionen keinesfalls münchhausianischen oder baudolinischen Erzählspielraum oder unendliche Selbstbeschreibungs-Möglichkeiten, sondern imponieren mehr durch kreative Annäherungen an zurückliegende Fakten.

Über Ursache-Wirkungs-Ursache-Rückkoppelungen – mir kommen gerade Engels Somato-Psycho-Somatosen in den Sinn – zwischen psychischen Erlebnissen, man könnte von retroflexiver Affektlogik sprechen, war sich Freud relativ früh im Klaren. Schon am 6. Dezember 1896, in der Frühzeit psychoanalytischer Theorieentwicklung, schrieb er an seinen Intimus Wilhelm Fließ: „Ich arbeite mit der Annahme, daß unser psychischer Mechanismus durch Aufeinanderschichtung entstanden ist, indem von Zeit zu Zeit das vorhandene Material von Erinnerungsspuren eine Umordnung nach neuen Beziehungen, eine Umschrift erfährt.” (FREUD 1950/185)

Aufeinanderschichtung und Umschrift beschreiben nichts anderes als Strukturdeterminierung und affektlogische Rückkoppelung. Hier-und-Jetzt und Dort-und-Damals sind via Sinnschleife miteinander verbunden und stören sich gegenseitig. Netzwerk-Zirkularitäten.

Zeigen sie sich nicht erschreckend deutlich beim ‚Kind im Manne‘, wenn er von temporären Revitalisierungen phallisch-phasiger Affektlogik übermannt, sein Ödipusdrama von einst in einem aktuellen Interaktions-Kontext neu inszeniert? Möglicherweise mit der unbewussten Einverständnis-Erklärung der zugehörigen anderen Seite.

Weder Ödipus- noch Elektra-Komplex noch andere gravierende Strukturniederschläge entschwinden jemals ganz, sondern fordern zeitlebens immer irgendwelche Arten der Meisterung. Der individuelle Erlebenshorizont gleicht einem in sich selbst zurückgekrümmten Einstein’schen Kosmos.

Auch der Künstler thematisiert, selektiert und komponiert unter dem affektlogischen Einfluss von Kindheitserlebnissen, alten und neuen und neuen alten Ängsten. Vier Beispiele aus verschiedenen Bereichen.

 

 „Manchmal ist mir, als wäre alles schon

in der Kindheit beschlossen gewesen.”

Robert Musil (1984)

 

Alfred Hitchcock

Dass in den Filmen des katholisch-jesuitisch erzogenen Thriller- und Suspense-Spezialisten Alfred Hitchcock Angst, Schrecken, Bedrohung und Schuld eine zentrale Rolle spielen, wird mit seiner von ebendiesen Erlebnisphänomenen geprägten Kindheit zu tun haben. Er wurde wegen eines geringfügigen Lausbubenstreichs als sechsjähriger Ödipus auf Anweisung seines Vaters von der Polizei in eine Arrestzelle gesperrt, was in diesem Alter ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein dürfte.

Ferner wird die katholische Lustfeindlichkeit und Prüderie im England des beginnenden 20. Jahrhunderts im jungen Hitchcock sexuelle Obsessionen genährt haben, der er später kompensatorisch in seinen Filmen auslebte. Angefangen von nekrophiler Erotik in »Vertigo« über Voyeurismus in »Rear Window« bis hin zu Vergewaltigung und Lustmord in »Frenzy«. Sein weibliches Nonplusultra der mondänen, spröden Schönheit mit erotischem Tiefgang, femme fragile und femme fatale in einem – wie man sie in seinen blonden Lieblingsdarstellerinnen Grace Kelly, Eva Maria Saint, Kim Novak und Tippi Hedren findet –, scheint frühen Sexual-Fantasien entsprungen. Angesichts seiner folgenden Aussage wird deutlich, dass Hitchcock diese Vorliebe beruflich zu camouflieren versuchte: „Ich brauche Damen, wirkliche Damen, die dann im Schlafzimmer zu Nutten werden. ... Der Sex darf nicht gleich ins Auge stechen.“ (TRUFFAUT 1985/220)

Mit »Spellbound«, in dessen Mittelpunkt ein unter traumatischem Gedächtnisverlust leidender Psychiater steht, hat Hitchcock übrigens einen psychoanalytisch inspirierten Film gedreht, bei dem Salvador Dali für die Inszenierung der Traumsequenzen verantwortlich zeichnete. Mehr zu Hitchcock-Filmen in Kapitel 3.

 

Edgar Allan Poe

Ähnlich wie bei Hitchcock infantile Angsterlebnisse via Strukturdeterminierung berufliches Schaffen programmierten, lässt sich bei Edgar Allan Poe der frühe Tod der Eltern, besonders der Mutter, mit der Zentralthematik seines Kunst-Wirkens in Verbindung bringen. Poe, 1811 in Baltimore geboren, verlor Vater und Mutter im Alter von zwei Jahren. Beide starben an Tuberkulose.

Auch Poes dichterische und erzählerische Werke sind durchdrungen von Angst, Qual – speziell Klaustrophobie –, Grauen und Tod. Besonders der Tod schöner Frauen hatte es ihm angetan. Seine berühmte Bemerkung in der »Philosophy of Composition« (1829) „Der Tod einer schönen Frau ist ohne allen Zweifel der poetischste Gegenstand der Welt” wird verständlich, wenn man unterstellt, dass er artistisch immer wieder den Augenblick reproduzieren wollte, wo der Tod ihn mit seiner Mutter wiedervereinen würde. Seine unbestreitbar sadonekrophile Veranlagung, Folge einer traumatischen Aversion gegen den Geschlechtsakt – wir erinnern uns an Leonardo –, hat Edgar Allan arbeitstechnisch sublimiert. Ausführlich nachzulesen bei Prinzessin Marie Bonaparte, einer Freud-Schülerin.

 

Fedor Dostojewski

Vatertötung, Schuld, Sühne und Verantwortungs-Bewusstsein spielen in den Werken des 1821 in Moskau geborenen Prosadichters und krankhaften Spielers eine zentrale Rolle. Höchstwahrscheinlichkeit auf die Tatsache zurückzuführen, dass Dostojewskis eigener Vater einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel. Dieses traumatische Erlebnis in Verbindung mit reaktualisierter ‚Ödipuslogik‘ bildet den Angelpunkt seiner Schuld- und Straf-Neurose, die sich auf somatischem Wege in Form der Epilepsie Bahn brach. Neurophysiologisch handelt es sich dabei um ungebremste Entladungen zentralnervöser Spannungszustände. Klinischer Ablauf (DÖRNER/PLOG 1996/393f): Die Hälfte aller epileptischen Anfälle beginnt mit einer subjektiven Vorempfindung, der Aura, die oft mit einem Initialschrei in Bewusstlosigkeit übergeht. Parallel dazu: tonischer Krampf (plötzliches Hinstürzen) mit Atemstillstand (ca. 10 Sek.), dann rhythmisches Gliederzucken (klonischer Krampf), Dauer ca. eine Minute. Oft Zungenbiss, Schaum vor dem Mund. Erwachen in Verwirrtheit, Dämmerzustand oder Übergang in Erschöpfungsschlaf. Postparoxysmale Befindlichkeit: Der Kranke erlebt den Anfall als befreiend, wenn vorher ein Zustand quälender psychobiologischer Unruhe bestand. Kam der Anfall dagegen out of the blue, fühlt er sich danach eher bedrückt. Bei chronifizierter Epilepsie ist oft eine Charakterveränderung ins Reizbare und Aggressive festzustellen.

„Die »epileptische Reaktion« ... stellt sich ohne Zweifel auch der Neurose zur Verfügung, deren Wesen darin besteht, Erregungsmassen, mit denen sie psychisch nicht fertig wird, auf somatischem Wege zu erledigen,” schreibt Freud in >Dostojewski und die Vatertötung<.

Affektive Epilepsie ist eine Abart konversionsneurotischer Hysterie – die ihrerseits Ersatzhandlung und Ausdruck unbewussten Konflikts ist – und unterscheidet sich ätiologisch von organisch bedingter Epilepsie. Genau genommen fällt Dostojewskis »Konversions-Epilepsie« unter die Kategorie der Psychosomatosen, in deren Krankheitsbild das Vegetativum sozusagen emotionale Funktionen übernimmt.

Dass Dostojewski während seiner politischen Strafzeit in Sibirien anfallfrei war, bestätigt, dass die epileptischen Anfälle ursprünglich auf einen unbewussten Strafakt zurückzuführen sind, den das im Zuge ödipalen Schulderlebens sadistisch gewordene ÜBER-ICH dem ICH aufnötigte, dessen Masochismus jedoch nicht genügend ausgeprägt war, so dass, um in den Genuss einer unbewussten Gewissenserleichterung zu kommen, Somatisierung den Erregungs-Rest erledigen musste. Dem psychischen Algorithmus »Schuld ® ÜBER-ICH-Sadismus ® ICH-Masochismus ® Somatisierung ® Gewissensentlastung« wurde in Sibirien die energetische Basis entzogen. Das ÜBER-ICH ist erfroren. Damit wurde die Kettenreaktion unterbrochen. Kein Anfall mehr. An die Stelle intrapsychischer Bestrafung trat als funktionales Äquivalent das aufgezwungene Leiden von Väterchen Zar, der quasi die Rolle eines Außenregulators spielte. Auf eine Kurzformel gebracht: Fremdbestrafung statt Selbstbestrafung. Für das Gewissen einerlei, denn es kommt nämlich nur darauf an, dass es einem schlecht geht, gleichgültig in welcher Weise.

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Kybernetische Psychopathologie

Autopoietische Systeme zeichnen sich durch selbstreferentiell-zirkuläre Operativität und hochselektiven Austausch mit spezifischen Umwelten aus. Systemevolution oder Co-Ontogenese – hier als persönliche Weiterentwicklung und seelisches Wachstum verstanden, wie es Tolstois krebskranker »Iwan Iljitsch« leider erst in seinen letzten Lebenstagen erfährt – finden nur durch Perturbation und Rückkoppelung statt, was besagt, dass das System bestimmte Irritationen in der Umwelt zum Anlass für eine selektive Respezifikation der Eigenstrukturen verwendet, immer unter der Bedingung der Aufrechterhaltung seiner Autopoiesis. Systeme sind rigoros darum bemüht, ihre autopoietische Selbstorganisation zu stabilisieren, fast so, als gäbe es keine Umwelt.

Offensichtlich können Perversionen im Denken, Fühlen und Verhalten, die man bei allen Geisteskrankheiten, Verrücktheiten oder psychischen Anomalien, je nach Schweregrad in unterschiedlicher Ausprägung und in unterschiedlicher Distanz zur Konsens-Normalität bis hin zur Unverstehbarkeit vorfindet, als Erscheinungsformen inkohärenter und inkonsistenter Selbstorganisation gedeutet werden.

Inkonsistenz-Konflikte können Resultat der Seiten-Äquilibrität einer vollzogenen Unterscheidung sein, wenn kein (Seiten-) Wert dem anderen vorgezogen wird. Folge: Die Unterscheidung kann nicht angemessen integriert werden und der Unterscheidende fluktuiert in ambivalenter Qual zwischen unentschiedenen Werte-Polen. Klassisch bei Neurosen: „Die Neurose ist in ihrer Struktur ambivalent, es ist ein Ja- und Nein-Sagen im gleichen Sachverhalt.” (BRÄUTIGAM 1978/75)

Da auch die psychischen Subsysteme auf Teufel komm raus ihre Autopoiesis stabilisieren, kann es zu Erlebens-Diskordanzen zwischen ICH, ÜBER-ICH, ES und ICH-IDEAL kommen, mit diversen pathologischen Folgen. Diagnostisch würde man in solchen Fällen von Störungen der Erlebnisverarbeitung sprechen.

Affektlogische Dysfunktionen gibt es nicht nur im Intersystembereich. Selbst innerhalb eines Systems können relativ autonome Substrukturen mit autopoietischem Eigenleben existieren, deren Diametralität das individuelle Selbsterleben fragmentiert. Dramatisch in Henrik Ibsens »Baumeister Solness«, dessen Frau Aline von zwei widerstreitenden ÜBER-ICH-Impulsen zerrissen wird, weil sie sowohl die Pflichten gegenüber ihrem Ehemann als auch gegenüber den Kindern zu erfüllen sucht.

Ein intrasystemischer ÜBER-ICH-Konflikt mit ICH-Störungen und schizophrenen Spätfolgen kann entstehen, wenn ein Kind mit widersprüchlichen Verhaltensregeln von Vater und Mutter konfrontiert wird und versucht, beiden nachzukommen.

Ähnlich kann Sadomasochismus in einem dual strukturierten ÜBER-ICH als Folge doppelter Identifizierung des Kindes mit einem sadistischen Vater und einer masochistischen Mutter begründet sein. Die zwangsläufige innere Zerrissenheit hat Goethe in seinem Faust in die trefflichen Worte gefasst: „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.” Vielleicht noch prägnanter beim Rokoko-Dichter C. M. Wieland: „Zwei Seelen, ach, ich fühl' es zu gewiß! Bekämpfen sich in meiner Brust mit gleicher Kraft.”

Narzisstische Neurosen sind differenztheoretisch als Resultat der Wahrnehmungs-Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand zu fassen, also anhand des Unterschieds zwischen Wirklichkeit und Wunsch. Wobei der Ist-Zustand nicht die Realität, sondern ihre idiosynkratische Konstruktion widerspiegelt. Ist- und Sollzustände reflektieren subjektive Wertungen. Man hat es hier mit einem relationalen Konzept zu tun, das einen Vektor impliziert, der reduziert werden soll: Der Ist- möge zum Soll-Zustand werden.

Strukturtechnisch handelt es sich um einen Konflikt zwischen ICH und ICH-IDEAL: Ersteres stellt ein persönliches Faktum fest (Du bist ehrgeizig, trittst beruflich aber auf der Stelle), den Letzteres nicht zu akzeptieren bereit ist (Du solltest schon lange Abteilungsleiter sein). Das Problem resultiert aus der Erkenntnis, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte. Aufgabe des Psychoanalytikers wäre u. a., die narzisstische Anspruchshaltung des ICH-IDEAL und seinen versteckten Sadismus auf seine strukturellen Ursprünge zu untersuchen, die möglicherweise in der frühkindlichen Identifikation des Kindes mit einem hassgeliebten Vater zu finden sind, der zu Höchstleistungen anspornte und mit Verachtung und Hohn reagierte, wenn das Kind sie nicht erfüllen konnte.

Aus Sicht der Klassischen wie der Kybernetischen Psychoanalyse hängt die Evolution des psychischen Systems stark von der Erlebens-Vergangenheit ab. Insbesondere Erlebnisse der Kindheit wirken strukturprägend und futurologisch, in dem Sinne, dass sie aus ihrer präinfantilen Strukturdeterminiertheit heraus Zukunft organisieren.

Veranschaulichen wir am Ödipuskomplex, dessen Inhalt übrigens nicht zuerst bei Sophokles, sondern schon 3100 v. Chr. auf den Tontafeln der Sumerer thematisiert wurde. (SIEGEL 1998) Er besagt nichts anderes, als dass bestimmte Erlebnisse – die in einem gestörten triangulären Interaktions-Kontext (Mutter/Vater/Kind) bzw. in der Nicht-Unterscheidung zweier psychosomatischer Systeme (Mutter/Kind) wurzeln – zu Strukturniederschlägen führen, die fortan die weitere Ontogenese programmieren, dergestalt, dass sinn-affine Erlebnisse immer wieder zirkulären Bezug auf sie nehmen.

Die ödipale Erlebnisstruktur prädisponiert spezifische Anschlussoperationen, die retroflexiv immer wieder ihren Ursprung durchlaufen und sich im Fortgang der Zeit entweder modifizierend (positiver Ödipuskomplex) oder nicht-modifizierend (negativer Ödipuskomplex) selbst reproduzieren. (siehe dazu FREUD 1923/296ff)

Heinrich von Kleist hat in seiner Komödie der Irrungen und Wirrungen »Amphitryon« die komplizierte Verflechtung beider Ödipusvarianten eindrucksvoll beschrieben.

Der Vater ist für den Knaben nicht nur der ödipale Rivale, der besiegt und beseitigt werden muss. Er ist zugleich der geliebte und bewunderte Held. Wieder zwei relativ autonome Substrukturen mit autopoietischem Eigenleben, die allerdings nicht per se pathogen wirken; erst dann, wenn ein insuffizientes, möglicherweise frühgestörtes ICH nicht in der Lage ist, die guten und bösen Objektfunktionen im Sinne eines realitätsgemäßen Sowohl-als-auch strukturell zu integrieren.

Begreift man Autopoiesis als existenziellen Wiederholungszwang oder reproduktive Selbst-Bestätigung, kommt automatisch »Charakter« ins Spiel. Letztlich nichts anderes als ein relativ permanentes System kontinuierlich repetierender und sich selbst stabilisierender Erlebens- und Verhaltensweisen. Hoffmann/Hochapfel (1995/150) definieren ihn als

 

„die Gesamtheit der stabilen und konsistenten psychischen Eigenheiten eines Individuums ..., mit denen es sich mit der Welt seiner Triebe und Emotionen einerseits und der seiner psychosozialen Gegebenheiten andererseits auseinandersetzt. Durch diese „charakteristischen” Eigenheiten unterscheiden (oder gleichen) sich die einzelnen Menschen.”

 

Charakter ist im Normalfall modifizierende Selbstreproduktion konsistenten Erlebens und Verhaltens. Der Normalcharakter zeichnet sich durch dynamische Stabilität aus. Charakterstörungen dagegen sind Selbstreproduktionen von Eigenzuständen, die nicht zeitgemäß evoluieren, sondern invariant auf einer unzeitgemäßen Betrachtung propellieren. Die zwangsneurotische Charakterstruktur e. c., die unter besonders pflege-wütigen Automobil-Fetischisten zu erkennen ist, basiert auf der Omnipräsenz von Erlebens- und Verhaltensweisen, die in der analen Phase wurzeln.

In Zusammenhang mit der oben genannten Werte-Äquilibration und dem intrasystemischen ÜBER-ICH-Konflikt soll das double-bind (BATESON 1972) kurz angerissen werden, bei dem eine Person von seiten einer – oder von mehreren – wichtigen Bezugsperson(en) gleichzeitig zwei diametral entgegengesetzte Verhaltenswerte wahrnimmt. Da keiner der Werte als falsch erkannt werden kann, muss auf beide simultan reagiert werden, womit die schizophrene Ambivalenz begründet sein kann. Dazu später ausführlicher.

Bei Psychosen inklusive Schizophrenie läuft die Autopoiesis entgegen ihrer ursprünglichen Funktion nicht nur mit, sondern wirkt temporär oder permanent totalisierend, absorbiert den Gesamtsinn und schließt ab von Umwelteinflüssen, anstatt zu öffnen. Das psychische System ist in einem Circulus vitiosus gefangen. Seine Eigenwerte haben ihre Außenbezüge weitgehend verloren. Co-Evolution mit der Umwelt findet nur noch auf Minimal-Niveau oder gar nicht mehr statt. Man denke an die Weltabgeschiedenheit des Autisten.

Als Begleitsymptome zeigen sich auf der einen Seite »Depersonalisation«, verstanden als Störung des Selbsterlebens (Identitätsstörungen, Selbstentfremdung), die oftmals das eigene Körperbild mit einschließt, und auf der anderen Seite »Derealisation«, verstanden als verzerrte Wahrnehmung der Umwelt.

Affektlogische Autopo(i)etiken führen bei Schizophrenie zur Ausbildung neologischer Zeichen- und Sprachcodes, die gar nicht oder nur schwer decodierbar sind. Besonders anschaulich bei der »Art brut«. So nannte Jean Dubuffet 1949 das Kunstschaffen von Schizophrenen und anderen Geistesgestörten, deren irrationale und zwanghafte Expressivität aus unbewussten Erlebnisquellen gespeist wird.

In der konstruktiven Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Medium – Malerei, Bildhauerei, Dichtung oder was immer – kann der Kranke sein ganz spezielles Problem, sein ureigenes Seelendrama, sein idiosynkratisches Konflikterleben auf kreativem Wege zum Ausdruck bringen. Seine künstlerischen Formationen und Deformationen sind stets sinnreiche Widerspiegelungen psycho- und somatogener Prozesse.

Artistische Entäußerung von Innerlichkeit hat auf der einen Seite kathartisch-heilsame Eo-ipso-Effekte; auf der anderen Seite findet der Analytiker in den Kunstergüssen des Patienten eine Menge codiertes Primärmaterial, das er nach erfolgter Dechiffrierung, nachdem er seinen Eigensinn durchschaut hat, in reflektierten Dosen in das fokale System »Patient« zurückführen und damit Stufe zwei des Selbstheilungs-Prozesses zünden kann.

Nicht nur die Kunstergüsse von psychiatrisch oder medizinisch Klassifizierten, jede Art von Kunstschaffen hat immer mit Selbststabilisierung, Selbstheilung und Selbstoffenbarung zu tun. „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen”, wusste ein Ahnherr der Psychoanalyse namens Friedrich Nietzsche. (n. CAMUS 1959/79)

 

Künstler - Kunstwerk - Kommunikation

Jedes echte Kunstwerk ist ein genialer psychosomatischer Erguss; ein Zeichensystem, das Zeichen setzt; ein Unterschied, der einen Unterschied macht. Entsprungen einem schöpferischen Geist in schöpferischem Akt. Möglicherweise mit programmatischer Absicht, möglicherweise auch nicht, jedenfalls aus innerer Notwendigkeit.

Für Tolstoi war das Programmatische Programm. Einziger Maßstab für die Vorzüglichkeit von Kunst: ihr Einfluss. Je stärker die Beeinflussung, desto besser die Kunst als Kunst. Unabhängig von allem anderen.

Differenztheoretisch zeigt sich das Kunstwerk als Form, die eine zweiseitige Unterscheidung setzt: zwischen sich und Welt, zwischen innen und außen. Der Künstler beginnt sein Werk mit einer initialen Differenz und diese Unterscheidung präformiert die nächste und diese die folgende und so weiter. Jedes Kunstwerk entsteht durch prozessierende Unterscheidungen. Es programmiert sich selbst, entsteht mehr, als dass es gemacht wird. Was dabei herauskommt, erkennt der Künstler möglicherweise, wenn es soweit ist, am Ende des Differenzierungsprozesses, also dann, wenn die finale Differenz gesetzt ist.

Künstler und Psychoanalytiker haben etwas Wesentliches gemeinsam: Beide leiten einen Prozess ein, können ihn fördern und partiell kontrollieren, auch viel an ihm verderben. Im Ganzen aber entwickelt das einmal Eingeleitete eine Eigendynamik, die sich weder Richtung noch Reihenfolge vorschreiben lässt. (FREUD 1913/190)

Im fertigen Kunstwerk erkennt man den anschaulichen Unterschied und die unanschaulich anschauliche Kontiguität zwischen Dargestelltem und Nicht-Dargestelltem. Das Kunstwerk ist immer mehr als es ist; das Kunst-Thema thematisiert stets das Nicht-thematisierte: so wie alles Gesagte das Nicht-Gesagte; alles Gehörte das Nicht-Gehörte; alles Geschriebene das Nicht-Geschriebene und alles Gefühlte das Nicht-Gefühlte mitsinnieren. Fühle ich Liebe, ist der Hass nicht weit; lese ich »schön«, komme ich um das Hässliche nicht herum; höre ich »Himmel«, habe ich die Hölle im Kopf; spreche ich von »Materie«, schwebt die Antimaterie im Raum. Es ist dies die Präsenz des Nicht-Präsenten im Präsenten. Jedes Faktum trägt seinen Seiten-Antipoden virulent mit sich herum.

Beginnt eine Erzählung mit »Once upon a time ... «, erzeugt sie einen imaginären Raum und eine imaginäre Zeit, und differenziert sie von der anderen Seite: der Welt. Zeichnen Gerhard Richter oder Georg Baselitz einen Strich auf ein weißes Blatt Papier, machen sie einen Schnitt in die Welt; ziehen eine Grenze und generieren auf der einen Seite der Unterscheidung ihr Bild als »marked space« in Abgrenzung zum »unmarked space« der Welt, die aber allzeit präsent bleibt. Sowohl auf der anderen Seite der zweigeteilten Papierfläche als auch außerhalb davon in Bezug auf alles andere.

Kunstwerke sind per se ambivalent. (Man betrachte René Magrittes »Ceci n'est pas une pomme«) Einerseits stehen sie als fiktionale Konstrukte außerhalb der Realität, andererseits sind sie selbst mit all ihren Beobachtern reale Fakten. Ähnlich wie Sprache und Schrift lässt das Kunstwerk die Wirklichkeit doppelsinnig werden, spaltet sie in reale Realität und fiktionale Realität. Wobei letztere wieder verschiedene Realitätsebenen aufweisen kann. Fiktionale Realitäten in einer fiktionalen Realität finden sich z. B. bei Lewis Carroll (Alice in Wonderland), William Shakespeare (Midsummer Night's Dream) und auf diversen Gemälden von Magritte.

 

Unterscheiden und die Unterscheidung vergessen

Fassen wir zusammen: Jedweder Umgang mit Kunst – gleichviel ob beim Erschaffen oder beim Konsumieren – basiert auf Unterscheidungen. Und sich an das Unterschiedene halten, bedeutet: die Unterscheidung vergessen und sich an der Einheit der Differenz erfreuen:

 

„Jede Unterscheidung macht sich selbst unsichtbar (...), indem sie das Unterschiedene vorstellt. Das Kunstwerk kombiniert eine Vielzahl von Unterscheidungen (...). Farben, Gewichte, Linienführung, Vordergrund/Hintergrund im Bild; Gleichzeitigkeit bzw. Nahwirkung/Fernwirkung von verschiedenen Tönen oder Tonfolgen in der Musik; Verschiedenheit der Perspektiven von unterschiedlichen Charakteren und die Notwendigkeit des Zufalls ihrer Begegnung im Roman, um nur einige sehr vordergründige Beispiele zu geben.” (LUHMANN 1990a/16f)

 

Stets fokussiert die Beobachtung sinn-gemäß entweder die eine oder die andere Seite der Differenz. Erst Lear und dann Cordelia, aber nicht Learcordelia.

Wenn auf der einen Seite der Unterscheidung Veränderungen vorgenommen werden – der Schriftsteller führt eine neue Figur ein; der Regisseur will eine »Totale«; der Maler intensiviert den Hintergrund; der Bildhauer nimmt »den Kopf« weg –, müssen zugleich die Wirkungen für die andere Seite, zu der das Kunstpublikum gehört, mitgesehen werden.

Könnte James Abbott McNeill Whistler, der sein süffisantes l'art pour l'art mit der Nonchalance eines spanischen Granden zu Markte trug, unsere Ausführungen lesen: er fühlte sich aus der Seele gesprochen, kam ihm doch kein Strich auf die Leinwand, ohne dass er dessen Wirkung auf seine Klientel im Auge behielt. Und was dem Freund Courbet'schen Realismus‘ und japanischer Farbholzschnitte teuer war, ist den anderen billig. Schließlich will man als Künstler etwas bewegen.

Dr. Volker Halstenberg bei brainGuide

Kybernetik und Psychoanalyse

Analytiker und Analysand beobachten sich natürlich nicht nur, sie beeinflussen und bewerten sich auch gegenseitig: verbal, tonalitär, mimisch, gestisch, guttural, schweigend. Beide bilden ein hochkomplexes Interaktions-System, in dem der Analytiker seinen Patienten mit wohl dosiertem Sinn versorgt, um ihn dort zum Kybernetiker 2. Ordnung auszubilden, wo er nur problembeladener erster ist, wo seine Selbstblindheit, das Unbewusste, Verdrängte dominiert und seine Persönlichkeit limitiert.

Wo ES ist, soll ICH werden.

Nichtsdestoweniger arbeiten Bewusstsein und Unbewusstsein nicht gegen-, sondern miteinander. Bewusstsein, bei Luhmann (1984/92) zentraler Operationsmodus, durch den sich das psychische System vor der Umwelt operativ schließt, kann sich oft selbst nicht durchschauen, kann hinters Licht geführt werden, und führt sich selbst hinters Licht, ist seiner eigenen Komplexität nicht gewachsen, und erst recht nicht der des psychischen Gesamt-Systems. Ohne die andere Seite: die unbewusste, diesen sinnreichen Lückenfüller, läuft nichts. Weder die Autopoiesis des Bewusstseins noch der psychoanalytische Prozess.

Seine psychoanalytischen Objekte bezeichnen nicht etwa Personen und Dinge so, wie sie (objektiv) sind, sondern so, wie sie subjektiv – bewusst und unbewusst, rational und emotional – konstruiert und erlebt werden. Sie erfahren Faktizität und Bedeutung erst in Wechselwirkung mit einem ICH und seinen beiden Seiten, für die sie in irgendeiner Art und Weise elementare Leistungen erbringen. Primär zur Stabilisierung eines instabilen Eigenzustands oder zur Reorganisation eines aus den Fugen geratenen Selbsterlebens.

Das Elementare der Leistungen deutet an, dass das psychoanalytische Objekt selten in Gänze wahrgenommen, vielmehr in funktionale Bestandteile oder Strukturen aufgelöst und gemäß inneren Notwendigkeiten aktualisiert wird. Es ist – rabiatisiert – nichts anderes als eine selbst-konstruierte Fremd-Wirklichkeit in der Eigen-Wirklichkeit.

Psychoanalytische Objekte sind immer besondere Erlebnisformationen und Bedeutungskomplexe im Kopf eines kybernetischen Steuermanns.

Freud (1921/85) sprach diesbezüglich von libidinöser Besetzung, wobei Libido „ein Ausdruck aus der Affektivitätslehre (ist).” Affekte, Emotionen, Gefühle, hier synonym verwendet, beeinflussen unser Seelenleben „gebieterischer als die äußeren Wahrnehmungen.” (FREUD 1938/83)

Besetzung meint das libidinöse/affektive Erlebnis-Potenzial von Gedanken, Vorstellungen, Fantasien und Erinnerungen.

Je stärker die libidinöse Besetzung eines Objekts, desto größer seine psychologische Bedeutung et vice versa. (FREUD 1924a/389) Objektlibido impliziert das Bedürfnis nach Besitz des begehrten Objektes, nach emotionaler Befriedigung durch das Objekt; man möchte das objet du desir am liebsten verschlingen, wie man es als »orales« Kleinkind praktiziert hat.

Libidinöse Besetzungen motivieren zu finalem Erleben und Verhalten, unabhängig davon, ob es auf ein faktisches oder fantasiertes Objekt gerichtet ist. Beide sind selbstkonstruierte Unterschiede, die Unterschiede machen.

Der Psychoanalytiker beobachtet, bezeichnet und beschreibt die all-verantwortlichen Unterscheidungen und Nicht-Unterscheidungen des Analysanden, die sein Selbst- und Welterleben reglementieren.

Unterscheidungen sind gemäß George Spencer-Brown‘s logischem Kalkül die zentrale Operation, auf der alle Wirklichkeits-Konstruktionen basieren. Durch »distinction and indication« entsteht Form; mit einer Innen- und einer Außenseite. Beobachtet und bezeichnet werden kann immer nur eine Seite, die andere ist der unmarked space, der blinde Fleck. Alles Folgende vollzieht sich exklusiv auf einer Seite. Der Beobachter operiert entschieden einseitig, er de-aktualisiert die Gegenseite und damit die Welt.

 

„Um diesen Korb zu sehen”, sagte Stephen, „trennt dein Geist zuerst den Korb von allem anderen des sichtbaren Universums, welches der Korb nicht ist. Die erste Phase der Apprehension besteht darin, daß eine Grenzlinie um den Gegenstand gezogen wird, der betrachtet werden soll. Ein ästhetisches Bild zeigt sich uns entweder im Raum oder in der Zeit. Das Hörbare erscheint in der Zeit, das Sichtbare im Raum. Das ästhetische Bild, sei es nun zeitlich oder räumlich, wird zuerst als ein durchaus begrenztes Ganzes auf dem unermeßlichen Hintergrund von Zeit und Raum geschaut, der dieses Bild nicht ist. Du schaust es als Eins.” (James Joyce: »Stephen Hero«)

 

Um ein »Crossing« von einer Seite der Unterscheidung auf die andere vorzunehmen, muss ein weiterer Differenzierungsfaktor eingeführt werden: Zeit. Zeit ist Vorher-Nachher-Unterscheidung, vollzogene gedankliche oder physische Operation. Man kann durch eigene oder zugeführte Reflexionsleistungen später beobachten, was wegen einseitiger Fokussierung jetzt nicht beobachtbar ist.

 

Übertragung

Möglicherweise hängt die aktuelle Selbstblindheit mit imperfekten Verstrickungen zusammen, wie bei der sogenannten Übertragung, einer unbewussten Wiederholung infantiler Objektbezíehungen im therapeutischen Setting. Der Analysand agiert – in klassischer Diktion bezeichnet »Agieren« jene Verhaltensweisen, die unbewussten Widerständen gegen die Erinnerung an frühe Traumata und versagende Selbstobjekte entspringen – seine konfliktäre Vergangenheit in Gegenwart des Analytikers dergestalt, dass dieser zum imaginären Stellvertreter bedeutsamer Anderer aus dem frühen Leben des Patienten mutiert.

Als Kybernetischer Psychoanalytiker betrachte ich Agieren als Form der Kommunikation des kognitiv Unkommunizierbaren: Es ist ein Mitteilungsmodus, der dem prälogischen, voroperationalen Entwicklungsstadium des Kleinkindes entspricht, das noch nicht über das Medium Sprache – Wegbereiter begrifflich-abstrakten Denkens und reflexiven Bewusstseins – verfügt. (Das lateinische »infans« bedeutet »Der Nicht-Sprechende«.) Kleinkinder kommunizieren sensumotorisch, körpersprachlich, ES-haft. McDougall (1989/245f) spricht von primitiver Kommunikation, die das frühe Erleben mit dem Unbewussten der Mutter reflektiert.

Wenn der Analysand in oder außerhalb der Übertragung agiert, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass er sein momentanes Gefühlserleben nicht in Worte fassen kann und deshalb einen anderen Kommunikationsmodus – den vorerst einzig möglichen – wählt. Körpersprachliches Agieren gibt Anlass, Störungen in der frühen Mutter-Kind-Beziehung und ICH-strukturelle Defizite zu vermuten. Es dokumentiert das Bedürfnis nach Kollusion, das hier und jetzt befriedigt werden will, durch den Therapeuten oder genauer: durch das eigentümliche Surrogat, das der Patient aus ihm macht.

In der Übertragung erlebt der Patient den Therapeuten durch die Augen des Kindes, das er einst war, kommuniziert und interagiert mit ihm ähnlich, wie er einst mit Vater, Mutter und Geschwistern kommuniziert und interagiert hat und fühlt sich gegenüber dem Therapeuten ähnlich, wie er sich einstmals in Gegenwart der Eltern und anderer wichtiger Bezugspersonen gefühlt hat. Ich sage »ähnlich wie« und nicht »genauso wie«, um das entwicklungs- und situationsdynamische Moment nicht zu unterschlagen. Schließlich handelt es sich bei der Übertragung nicht um die originalgetreue Kopie einer früh-neurotischen Erlebnis- und Interaktions-Typik, sondern um eine kontextabhängige Reproduktion. Freud schrieb 1916/17 in seinen »Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse«:

 

„Wir wollen doch nicht vergessen, daß die Krankheit des Patienten (gemeint ist die Übertragungsneurose/V.H.) ... nichts Abgeschlossenes, Erstarrtes ist, sondern weiterwächst und ihre Entwicklung fortsetzt, wie ein lebendes Wesen. ... Alle Symptome des Kranken haben ihre ursprüngliche Bedeutung aufgegeben und sich auf einen neuen Sinn eingerichtet, der in einer Beziehung zur Übertragung besteht.” (SA I/427)

 

Bei der Übertragung als radikal-konstruktivistischem Ausdruck für die Welt im Kopf (Was drinnen ist, ist draußen) können neben regressiven Tendenzen im Sinne der Koexistenz des Vergangenen im Gegenwärtigen, Projektionen eine Rolle spielen. (KERNBERG 1975) Darunter versteht man die unbewusste Externalisierung negativer Selbst-Anteile (z. B. auf den Analytiker). Selbstrepräsentanzen mutieren zu Fremdrepräsentanzen. Eventuell kommen auch parataktische Verzerrungen (SULLIVAN 1953) in Form des Eingewickeltseins einer gegenwärtigen in eine frühere Beziehung zum Tragen.

Alle Übertragungs-relevanten Störfaktoren vermitteln dem Therapeuten wichtige Erkenntnisse über das unbewusste Funktionieren seines Patienten und schaffen die Basis für Übertragungs-, Außer-Übertragungs-, Widerstands-, Inhalts- und genetische Deutungen, die den Analysanden zur Selbstheilung anleiten sollen.

Worte im Allgemeinen und Deutungen im Besonderen haben, zur richtigen Zeit und in angemessener Dosierung »verabreicht«, etwas von der heilsamen Zauberkraft eines Gesundheitselixiers, das „den anderen selig machen kann.” (FREUD 1916/43)

Nichtsdestoweniger fungiert der Analytiker im Grunde als großer Perturbator, der mit  störenden Entstörungen und konstruktiven Differenzen – die im positiven Gegensatz zu den Negativeinflüssen früher Selbstobjekte des Patienten stehen – affektlogische Strukturmodifikationen und Redefinitionen der Eigen- und Weltbezüge anregt.

Der Analytiker sollte lieben, wo andere gehasst haben, er sollte leiden, wo andere gleichgültig waren, er sollte zuhören, wo andere taub waren, er sollte erkennen, wo andere blind waren, er sollte respektieren, wo andere respektlos waren. Er sollte anders sein als die bösen anderen. Und indem er schockierend anders ist, lernt der Analysand, dass alles ganz anders sein kann: nämlich besser.

Der heilsame Schock der Differenz motiviert den Gestörten zur entstörenden Überarbeitung seines Innenlebens und lässt ihn wieder zu sich selbst kommen. In Anlehnung an Orwell‘s »1984« könnte man von einer Anleitung zu »Neudenk« und »Neufühl« durch unterscheidungskräftige Störmanöver sprechen.

Dabei reicht es nicht aus, dem Patienten seine Disposition zur Reinszenierung früher traumatischer Beziehungen rein rational bewusst zu machen. Vielmehr geht es um das emotionale Wieder-Erleben der schmerzhaften Reminiszenzen. Erinnerung ohne Affekt ist meistenfalls wirkungslos. „Der psychische Prozeß, der ursprünglich abgelaufen war, muß so lebhaft als möglich wiederholt, in statu nascendi gebracht und dann »ausgesprochen« werden,“ schrieb Freud 1895 (85). Um später hinzuzufügen, dass Selbstdeutungen des Probanden, selbst gewonnene Einsichten, therapeutisch oft wirksamer sind als Fremddeutungen. (1938/103)

Die psychoanalytische Kunst besteht darin, den Patienten den traumatischen Original-Affekt mit allen Konsequenzen revitalisieren zu lassen und ihn dann durch den heilsamen Schock einfühlsamen Verstehens zu enttraumatisieren.

Verändertes Selbst- und Weltverständnis führt in der Regel zu qualitativen Verbesserungen der Sozialbeziehungen (Ehepartner, Familie, Freundeskreis). Dennoch darf nicht verschwiegen werden, dass das seelische Wachstum einer Person zur psychischen Instabilität des Partners führen kann, wenn beide vor der Therapie des einen in einer pathologischen Sozio-Homöostase gelebt haben. Ich komme darauf zurück.

 

Gegenübertragung

Wie alles in der Welt hat auch die Übertragung ihren Antagonisten: die Gegenübertragung, bei der Lou Andreas-Salomé Ähnlichkeiten „vom Verhältnis des Dichters zu seinen Gestaltungen” erkennt. Als Befangenheit durch Identifizierung mit den unbewussten Übertragungsobjekten oder mit den Erlebensformen der psychischen Subsysteme (ICH, ES, ICH-IDEAL, ÜBER-ICH) des Patienten kann sie den Analytiker zum Beispiel bei einem Borderliner, der ihn aufgrund von ICH-Struktur-Defiziten, inkohärentem Selbsterleben und mangelnder Differenzierungsfähigkeit zwischen Selbst- und Objektrepräsentanzen kontinuierlich als verlängerten Arm seiner selbst funktionalisieren will, unbewusst dazu verleiten, aggressive, betont abgrenzende Deutungen zu geben. Nach der Devise: »Sie sollten sich darüber im Klaren sein, dass Sie mich jetzt als Abfalleimer für Ihre bösen Selbstanteile benutzen«.

Der Analytiker könnte ebenso mit abnehmender Empathie – durch die „überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben ermöglicht wird” (FREUD 1921/103) – oder einer unwillkürlichen Denotations-Konnotations-Diskrepanz reagieren. Derart, dass er eine einfühlsame Äußerung: »Ich kann Ihre Gefühle in diesem Moment sehr gut verstehen« durch die Tonalität seiner Stimme ad absurdum führt. Schließlich können sich Gegenübertragungs-Reaktionen in körperlichen Symptomen, Schläfrigkeit, sexuelle Erregung oder Herzarhythmie, und in Träumen ausdrücken.

Unreflektierte Gegenübertragung macht eine erfolgreiche Analyse schwierig oder gar unmöglich, weil der Analytiker aufgrund unbeobachteter Selbstthematisierung unbewältigter Eigenstrukturen nicht in der Lage ist, den Patienten aus dem Gefängnis seiner Vergangenheit zu befreien. Er hat seine beobachtende Beobachterposition verloren, ist selbst prisoner of the past. Man kann diese bilaterale neurotische Gefangenschaft als unbewusst-zwanghafte mésalliance zur Wiederholung des Imperfekten, oder als pathogene Soziopoiesis, oder als folie à deux bezeichnen. Freud konstatierte 1910 (108):

 

„Wir sind auf die »Gegenübertragung« aufmerksam geworden, die sich beim Arzt durch den Einfluß des Patienten auf das unbewußte Fühlen des Arztes einstellt, und sind nicht weit davon, die Forderung zu erheben, daß der Arzt diese Gegenübertragung in sich erkennen und bewältigen müsse (...) jeder Psychoanalytiker kommt nur so weit, als seine eigenen Komplexe und inneren Widerstände es gestatten.”

„Man muß ... seine Gegenübertragung jedesmal erkennen und überwinden, dann erst ist man selbst frei”, schrieb er drei Jahre später an Ludwig Binswanger. (FICHTNER 1992/125f)

 

Die positiven Seiten der Gegenübertragung zeigen sich dann, wenn der Analytiker sie nicht fürchtet und verdrängt, vielleicht aus falschem narzisstischem Stolz (Da steh ich drüber), sondern als funktionales Äquivalent zur Übertragung des Patienten, als andere Seite des therapeutischen Wechselwirkungsprozesses betrachtet. 

Gegenübertragung kann dem Analytiker anhand seines Eigen-Unbewussten das Unbewusste des Patienten nahebringen, weil sie stets einen unbewussten Teil der Patienten-Persönlichkeit camoufliert. Beider unbewusste Erlebenswelten sind strukturell gekoppelt, so dass man von einer interpersonellen Erlebens- oder Zustands-Konkordanz sprechen kann. Indem er sein Gegenübertragungs-Erleben – Gedanken, Wünsche, Fantasien – beobachtet, von seinem eigenen Selbsterleben unterscheidet und das Unterschiedene sinnreflektiert ins klinische Setting wieder einführt (re-entry), stabilisiert der Analytiker seine zweite Beobachterposition und bewegt die Interaktion in konstruktiven Bahnen.

Man hat es hier mit einem Fall von Fremd-Beobachtung durch Selbst-Beobachtung und also: Fremd-Erkenntnis durch Selbst-Erkenntnis zu tun. Die Schwierigkeit dabei: Der Analytiker muss sich teilen: in ein Erlebens-ICH und ein Beobachter-ICH. Er muss zwischen Erleben und Beobachten, Erfühlen und Erkennen, Intuition und Logik, Identifikation und Differentiation oszillieren. Eine Fähigkeit, die gleichermaßen auf Patientenseite gefordert ist, vorneweg beim freien Assoziieren.

Reflektiertes Mitagieren des Analytikers im Sinne somatischer Resonanz (KELEMAN 1986) oder eines »affect attunement« (STERN 1998), kann im fallspezifischen Kontext unerlässlich sein, um den frühinfantilen Eigenzustand des Patienten zu »errechnen«. Davon abgesehen kann Mitagieren deshalb therapeutischen Wert haben, weil der Patient erlebt, dass seine Gefühle den Analytiker bewegen. Heimann (1978) akzentuiert die Wichtigkeit natürlichen Verhaltens.

Modellhaft könnte der klinische Ablauf folgender sein, wobei P für Patient und A für Analytiker steht: P agiert ® A re-agiert bewusst mit ® P fühlt sich verstanden ® A hypostasiert (= Kognifizierung des präinfantilen (unbewussten) Eigenzustandes von P), re-agiert und verbalisiert ® P re-agiert ® A re-agiert, hypostasiert und verbalisiert ® P re-agiert usw. Der Prozess des Mit(re)agierens läuft so lange, bis A der Überzeugung ist, den präinfantilen Eigenzustand von P verstanden zu haben. A‘s Verstehen und seine Sinnzuführungen sind Voraussetzung für P’s Aufstieg vom first- zum Second-order-observer, vom Selbstblinden zum Selbstdurchschauer.

Das Modell verdeutlicht, dass der psychoanalytische, wie jeder andere Erkenntnisprozess, ein iterativer Prozess der kleinen Schritte ist.

Der Analytiker ist keinesfalls ein Dalai Lama, der immer schon alles weiß, was sich innerhalb der Patienten-Psyche abspielt und nur noch fix und fertige Problemlösungen hervorzuholen braucht, und er ist auch kein Psycho-Chirurg – Freuds oft zitierte Chirurgen-Metapher ist rein kognitiv-kommunikativ gemeint –, der in kühler Distanz und mit steriler Akuratesse die pathogenen Strukturen aus der Psyche entfernt und durch »richtige« ersetzt. Kybernetisch ohnehin unmöglich, weil es den selbstreferentiellen Exitus, das Aus der Autopoiesis bedeutet.

Erfolgsentscheidend ist im Übrigen nicht nur die kommunikative, sondern auch die soziale Kompetenz des Analytikers. Nicht nur die sinnreichen Informationen und Inhalte zählen. Ebenso kommt es auf die Mitteilungs- und Beziehungsqualität an. Ein gesundes Mikroklima zwischen Analytiker und Analysand, eine gewisse Konkordanz der Charaktere, ist für eine effektive Psychoanalyse unabdingbar.

Lazar machte 1976 darauf aufmerksam, dass ein Patient bei einem Analytiker analysierbar sein kann, bei einem anderen hingegen nicht. Ein Zwangsneurotiker zum Beispiel, dem Ordnung und Kontrolle über alles geht, wird vermutlich bei einem Therapeuten mit schizoiden Strukturanteilen, der seine Angst vor emotionaler Nähe durch eine Fassade aus Wissenschaftlichkeit, Objektivität und Unfehlbarkeit kaschiert, auf den ersten Blick gut aufgehoben sein, weil er genau diese Eigenschaften als Stabilisierungsleistungen für die eigene Selbstorganisation benötigt.

Ein hysterischer Patient dagegen wird dieselben Eigenschaften rasch als Kompensationen gefühlsmäßiger Unsicherheit erkennen und den Therapeuten als unspontanen Roboter erleben, der kaum imstande ist, ihm zu helfen. Der Depressive wiederum fühlt sich bei besagtem Therapeuten zum wissenschaftlichen Versuchskaninchen degradiert; der schizoide Patient erkennt zwar die Blutsverwandtschaft, fühlt sich aber emotional unaufgehoben und reagiert vermutlich mit Kritik und Aggression. Jeder hat seine affektlogische Eigen-Welt im Kopf.

Möglicherweise ist i. d. Z. die Geschlechtszugehörigkeit von Bedeutung: Freud selbst äußerte 1931 (519) die Vermutung, dass seine weiblichen Adepten Helene Deutsch und Jeanne Lampl-de Groot es leichter hätten, mit den präödipalen Konflikten ihrer Patienten umzugehen, weil die Mutter-Übertragung unproblematischer sei als bei männlichen Analytikern. Ich gebe allerdings zu bedenken, dass eine Frau ihre präödipalen Mutter-Konflikte mit einem Vater-Analytiker eventuell besser regeln kann, weil weniger Angst vor der phallischen Mutter (Wiederverschlingungsangst) im Spiel ist – also weniger Störfaktoren aufgrund einer strukturdeterminierten Neuauflage von Erlebensmodi, wie sie der Wiederannäherungsphase (MAHLER 1972) des Kleinkindes in der zweiten Hälfte des zweiten Lebensjahres eigen sind, auftreten – als dies bei einer Analytikerin der Fall sein kann.

In Freud’schem Tenor vertritt Karmé (1979) die Auffassung, die negative ödipale Vater-Übertragung eines männlichen Patienten sei in der Konstellation mit einer Analytikerin nicht zu bearbeiten. Chasseguet-Smirgel (1984) und Torras de Beá (1987) wiederum meinen, männliche Patienten könnten ihre passiv-homosexuellen Konflikte durchaus in der Übertragung auf eine Analytikerin erleben.

Ob eine Person bei einem bestimmten Analytiker oder einer bestimmten Analytikerin an der richtigen Adresse ist, hängt nicht zuletzt vom beruflichen Selbstverständnis ab:

 

„Ein Analytiker, der sich für »normal« hält und meint, über die Verhaltensnormen seiner Patienten entscheiden zu können, läuft Gefahr, ihnen bei ihrer Entfaltung und Selbstentdeckung äußerst schädlich zu sein. Kein Analytiker darf hoffen, seine Patienten über den Punkt hinaus zu begleiten, bis zu dem er sich selbst in Frage zu stellen vermag.” (MCDOUGALL 1989/Buchdeckel)

 

McDougall argumentiert im Sinne Freuds, der 1919 in »Wege der psychoanalytischen Therapie« auf Seite 247 postulierte, der Kranke dürfe „nicht zur Ähnlichkeit mit uns, sondern zur Befreiung und Vollendung seines eigenen Wesens erzogen werden.” Auf der anderen Seite war Freud sich der Verlockung des Therapeuten, „Lehrer, Vorbild und Ideal für andere zu werden” (1938/101) und der Identifizierungs-Neigung des Patienten durchaus bewusst. Überhaupt betonte er stets die Bedeutung interpersoneller Wechselwirkungen im therapeutischen System. 1926 in »Die Frage der Laienanalyse« zum Beispiel, spricht er vom persönlichen Einfluss als mächtigste dynamische Waffe, die die Situation in Fluss bringt.

Seine kybernetische Denkweise zeigt auch die Tatsache, dass er die Psyche als Sinnsystem bezeichnet, das in verschiedene Subsysteme – ICH, ES, ÜBER-ICH, ICH-IDEAL – differenziert ist, die nach eigenen Gesetzmäßigkeiten operieren.

Damit komme ich auf die bei Luhmann nicht erörterte Code-Frage bei der Binnendifferenzierung psychischer Systeme zurück und erinnere zunächst daran, dass ein autopoietisches System seine Identität durch einen einheitlichen Operationsmodus erhält und dass aus dem Gesamtsystem via Codierung ausdifferenzierte Subsysteme diesem übergreifenden Operationsmodus gehorchen müssen.

Laut Luhmann gehorcht das psychische System als Ganzes dem Operationsmodus »Bewusstsein«, über den es sich operativ schließt und dadurch Identität und Individualität erlangt.

Inakzeptabel, weil Bewusstsein nur einen verschwindend kleinen Teilbereich des psychischen Geschehens ausmacht. Der große Rest ist unbewusst.

Man benötigt einen anderen Operationsmodus, der die Psyche unter eine sowohl bewusst als auch unbewusst arbeitende Einheit bringt. Dies könnte das bereits vielfach erwähnte »Erleben« sein, dem „ein Ordnen nach dem Sinn immanent ist.” (MITSCHERLICH 1974/I/121) Seine Bestandselemente – Erlebnisse – können bewusst oder unbewusst sein. Ich supponiere: Die Psyche konstituiert sich durch bewusste und unbewusste Erlebnisse! Die letztlich wieder informativ sind.

Das Unbewusste ist alles andere als eine schlecht regulierte Variable im inneren Milieu. Es erbringt permanent funktionale Leistungen für die Autopoiesis des Bewusstseins. Unter anderem mit Hilfe von Erlebnis-/Sinn-/Informations-ausschließenden Abwehroperationen wie Verdrängung, Rationalisierung etc. (Über Abwehr wird noch ausführlich gesprochen.), die eindeutig die Aufgabe des Strukturschutzes und der Selbststabilisierung haben.

Über die Bedeutsamkeit des Unbewussten meinte der zen-buddhistische Lehrmeister Daisetz Teitaro Suzuki einmal sinngemäß: Bewusstsein und Unbewusstsein stehen in ständiger Verbindung. Ohne letzteres könnte ersteres gar nicht funktionieren. Es würde seine Funktionsgrundlage verlieren. Bewusstes und Unbewusstes sind zwei Seiten ein und derselben Form.

 

Beobachtung des Unbeobachtbaren

Es ist nicht so, dass das Unbewusste sich mit der Rolle des Strukturschützers begnügt und ansonsten untätig ist. Es ist selbsttätig, autodynamisch, prozessiert – wie seine andere Seite, wenn sie nicht bewusstlos ist – ohne Unterlass seine sinnreichen Erlebniselemente, wohlgemerkt unbemerkt, sendet ständig virtuelle Impulse, die nichtsdestoweniger konkreten Einfluss auf das individuelle Selbst- und Welterleben haben. Obgleich sie erst im Falle der Überschreitung eines variablen Schwellenwertes in camouflierter Form für Kybernetes und sein Bewusstsein beobachtbar werden.

Relativ einfacher als die Beobachtung des Unbewussten durch das ihm zugehörige Bewusstsein (z. B. des Analysanden) ist die Fremd-Beobachtung unbewusster Prozesse (z. B. durch den Analytiker). Was auf den Unterschied zwischen Selbst- und Fremdbeschreibung, zwischen Innen- und Außenperspektive zurückzuführen ist.

Friedrich Nietzsche, der in »Ecce Homo« von sich selbst sagte, er sei kein Mensch, sondern Dynamit, hat die Blindheit sich selbst gegenüber in einen feinen Aphorismus gegossen: „Jeder ist sich selbst der Fernste - für uns sind wir keine »Erkennenden«.” (Genealogie, Vorrede)

Nachdem die funktionale Relevanz des Unbewussten geklärt und mit »Erleben« ein Operationsmodus genannt wurde, der die Gesamtheit des psychischen Systems erfasst, ist es an der Zeit, die binnendifferentielle Codierungs-Angelegenheit zum Abschluss zu bringen: Im ES als Haupt-Repräsentanten des Unbewussten und »Sitz« der Leidenschaften und Lebenstriebe heißt der binäre Code: lustvoll/unlustvoll bzw. befriedigend/unbefriedigend. ÜBER-ICH als eine Art innerer Richter, der über die Zulässigkeit von Informationen bestimmt, orientiert sich an gut/böse bzw. zulässig/unzulässig. Das egozentrisch-narzisstische ICH-IDEAL operiert nach dem Code: narzisstisch wertvoll/narzisstisch wertlos. Und schließlich orientiert sich das ICH (unser Kybernetes) mit seinen Primärfunktionen Sprechen, Denken, Planen und Handeln am Code: real/irreal.

ICH ist auch dasjenige System, welches (Selbst-) Bewusstsein als funktionale Leistung zur Verfügung stellt (FREUD 1923/288), aber es ist nicht das (Selbst-) Bewusstsein, weil es anders als bewusst operieren kann. Das ICH und alle anderen psychischen Subsysteme gehen aus dem überwiegend unbewussten (ES-haften) Operieren des psychischen Systems erst hervor, so wie Selbstbewusstsein erst im hochkomplexen Zusammenspiel aller Subsysteme zustande kommt.

Bewusstsein kann sich – siehe ausführlich Freuds »Psychopathologie des Alltagslebens« – über seine eigenen Operationen und Motivationen täuschen. Es ist kontinuierlich gefährdet und nicht in der Lage, die Einheit aller Gedanken und Vorstellungen eines psychischen Systems herzustellen. Folglich operiert es im Modus sinnhafter Bewusstlosigkeit, und das nicht selten effektiver als in manchen Bewusstseins-Zuständen.

Übereinstimmend mit neueren Forschungen in der Kognitionspsychologie (ANDERSON 2001) schrieb Freud anno 1900 (579), „daß die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge ... vorfallen können, ohne das Bewußtsein der Person zu erregen.”  Man kann Schlussfolgerungen ziehen und ihnen gemäß handeln, ohne in der Lage zu sein, die zugrundeliegenden Überlegungen zu artikulieren und bewusst zu bewerten.

 

Autopoiesis und Welt

Wie kommt das autopoietische System »Psyche« eigentlich zur Vorstellung einer äußeren Realität? Woher kommt die Weltreferenz in der Selbstreferenz? Antwort gibt Kybernetes: Er nimmt unter den psychischen Subsystemen insofern eine Sonderstellung ein, als er die Aufgabe eines Pontifex Opposituum innehat: eines Vermittlers zwischen den einzelnen psychischen Subsystemen und der externen, aber nichtsdestoweniger selbstgeschaffenen (Außen-)Welt-Realität.

Welt, aus der Kybernetes irgendwelche Informationen aufnimmt, existiert nicht schon per se, sondern ist Resultat eines intrapsychischen Ausdifferenzierungs-Prozesses. Äußere Realität innerhalb unserer selbstreferentiellen Psyche kommt zustande, indem Kybernetes unter Zuhilfenahme einer Urteilsfunktion (FREUD 1925) – die zugesteht oder bestreitet, dass eine Vorstellung der Realität entspricht –, bestimmte Erlebnisse als real diskriminiert und einer Umwelt zurechnet. Was stattfindet ist eine autoinduzierte Externalisierung von Welt durch Kybernetes und sein Bewusstsein. Shands (1975) spricht diesbezüglich von disembedding.

Freud selbst (1915a) sieht das psychische System nicht mehr als Spielball von Umweltreizen, sondern interpretiert es aus einer endogenen Erlebnis- oder Informations-Prozessualität heraus, was seine Prädominanz und die operative Geschlossenheit gegenüber einer Umwelt unterstreicht. Auch Triebe, von Freud stets erlebnisspezifisch gesehen (LORENZER 1993/16), stammen „nicht aus der Außenwelt, sondern aus dem Innern des Organismus”, (FREUD 1915a/82). Und weiter: Triebe sind „Reize für das Psychische” (ebd.). „Ein Trieb kann nie Objekt des Bewußtseins werden, nur die Vorstellung, die ihn repräsentiert.” (1915/136) Alles zeigt explizit den Sinn-Gehalt von Trieben, ihr Stehen-für. Genauso folgende Passage: „Wir heißen den Triebreiz besser ‘Bedürfnis’; was dieses Bedürfnis aufhebt, ist die ‘Befriedigung’. Sie kann nur durch eine zielgerechte (adäquate) Veränderung der inneren Reizquelle gewonnen werden.” (FREUD 1915a/82) Was hier »triebhaft« expliziert wurde, muss logischerweise für alle anderen Repräsentanzen des psychischen Systems Geltung haben.

Jede Psyche konstruiert autodynamisch ihre Welt und entscheidet gemäß Eigen-Zustand über die Bedeutung von wahrgenommenen Informationen (e. c. zur Triebbefriedigung). Sie bestimmt die Prämissen, unter denen Außenmanipulation zugelassen wird, also ist sie eine historische, strukturdeterminierte Maschine.

Freuds kybernetischer Tenor zeigt sich nicht zuletzt in seiner Formulierung aus dem Jahre 1920 (41) „von der Sicherung des eigenen Todesweges des Organismus”, die sagen will, dass organisches und psychisches Leben den Gesetzen basaler Zirkularität und operativer Geschlossenheit gehorchen. Das psychosomatische System »Mensch« bringt sich selbst zum Stillstand und vollendet das Leben – als Krankheit – zum Tode.

Wegen ihrer operativen Autonomie ist es möglich, dass die Psyche völlig losgelöst von objektiven Gegebenheiten auf eine Mord-Fantasie oder auf aggressive Gedanken mit Schuldgefühlen reagiert, oder eine Schlangenphobie entwickelt, ohne jemals mit besagtem Tier in Berührung gekommen zu sein. „So muß man wohl sagen, daß die psychische Realität eine besondere Existenzform ist, welche mit der materiellen Realität nicht verwechselt werden soll”. (FREUD 1900/587) Wahrhaft konstruktivistisch.

 

Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners (H. v. Foerster)

Freud glaubte nicht an die Möglichkeit, historische Wahrheiten ergründen zu können, und es ging ihm nie um die Klärung der Frage, ob ein bestimmtes Erlebnis irgendwann tatsächlich stattgefunden hat. Seine Kardinalfrage war vielmehr: Welchen Sinn hat irgendein faktisches oder fiktives Erlebnis in der autodynamischen Psyche des Analysanden?

Auch seine Methode des freien Assoziierens, die ich mit A. O. Kris nicht als doktrinäre Regel, sondern als »joint venture« zwischen Analytiker und Analysand verstehe, kondensiert im Eigentlichen nichts anderes als »Erleben ist Erleben ist Erleben ist Erleben ist Erleben«: ad infinitum. Autopoiesis pur. Das psychische System erzeugt die Erlebnisse, aus denen es besteht, kontinuierlich aus sich selbst heraus.

Fähigkeit und Bereitschaft zur freien Assoziation hängen entschieden davon ab, in welcher Mitteilungs-Qualität – Tonalität und Wortwahl – der Analytiker diese goldene Regel an den Patienten heranträgt. Dieser sollte auf keinen Fall das Gefühl bekommen, er habe es mit einer »polizeilichen« Vorschrift zu tun: Bei Abweichung – Strafe. Versteht er die Assoziations-Regel als »Du sollst-Gebot« und implementiert sie als solches in sein ÜBER-ICH, wird sie zwangsläufig außer Kraft gesetzt. Sinnvoller ist folgende anti-autoritäre und ICH-Autonomie-förderliche Formulierung, die sicher im Sinne Freuds (1913/194) wäre:

»Ich möchte Sie gerne mit einigen Erfolgsfaktoren der Psychoanalyse vertraut machen. Ganz wichtig ist das freie Assoziieren. Das bedeutet: Sie DÜRFEN mir alles sagen, was Ihnen in einem bestimmten Zusammenhang in den Sinn kommt. Ohne Einschränkungen und ohne Selbstzensur. Lassen Sie ihren Gedanken und Vorstellungen einfach freien Lauf, wie abwegig oder unangenehm sie Ihnen auch erscheinen mögen. Das wird Ihnen zu Anfang vielleicht ein wenig schwer fallen, aber Sie werden rasch merken, dass es lustvoll sein kann und einen sehr positiven Einfluss auf Ihr Wohlbefinden hat.«

DÜRFEN neutralisiert mögliche Einwände vom ÜBER-ICH und schafft somit günstige Voraussetzungen für den freien Fluss von ES-Erlebnissen.

Dem freien Assoziieren entspricht als korrespondierendes Prinzip auf der anderen Seite die gleichschwebende Aufmerksamkeit des Analytikers, die Freud als kritikloses, erlebnishaft-intuitives Aufnehmen aller Mitteilungen des Analysanden versteht – „Man höre zu und kümmere sich nicht darum, ob man sich etwas merke.” (1912/172) –, aus dem sich parallel dynamische ad hoc-Modelle über die Analysanden-Welt und später fundiertere Erkenntnisstrukturen entwickeln können. Dabei ist es für den Analytiker immer hilfreich, insbesondere im komplexen Interaktionsgefüge Übertragung/Gegenübertragung, mit selbstgestellten Fragen zu operieren: Was geht jetzt im Patienten vor? Wie erlebt der Patient mich (Analytiker) momentan? Mit welchen Bezugspersonen aus seiner Vergangenheit (oder Gegenwart) bringt mich der Patient in Verbindung? Wer spricht gerade aus seinem Munde? Zu wem? Worüber? Warum jetzt? Welcher funktionale Sinn steckt dahinter? Wie fühle ich (Analytiker) mich im Augenblick? Warum fühle ich mich so?

Dr. Volker Halstenberg bei brainGuide

Freitag, 18.07.2008

Für alle Freunde kybernetisch-psychoanalytischer Kunstanalyse hier ein paar Fallbeispiele

Von der manifesten Oberfläche in die latente Tiefe, vom ikonographisch Offensichtlichen zum unbeobachtbar Wichtigen, so heißt der Erkenntnisweg der Kybernetischen Psychoanalyse. Insofern sieht sie die Fähigkeit des Rezipienten zur Werk-Interpretation als Funktion seiner Reife und Sensibilität gegenüber der latenten Seite mit ihren per se nicht beobachtbaren Inhalten. Auf dass er beim zweiten Blick erkennt, was beim ersten unerkennbar war: Möglicherweise eine Seelenverwandtschaft mit dem Artifex oder einen heimlichen Wink mit einem nichtsdestoweniger äquivoken Zaunpfahl, der kraft Kontingenz den einen wie den anderen eingefahrenen Eigensinn und das eine wie das andere suspekte Selbsterleben dynamisiert, enttautologisiert, heilsam schockierend herausführt aus irgendeinem Daseins-Dilemma.  Kunstproduktion und -rezeption haben immer etwas Therapeutisches.

Einige Fragen, die jeder kybernetisch-psychoanalytisch Geschulte stellen könnte:

Welche Besonderheiten kennzeichnen den zeitlichen und sozio-kulturellen Background des Künstlers? Welche Erlebnisse und Konflikte haben seine psychischen Strukturen und seinen Charakter geprägt? Gibt es traumatische Erlebnisse in seiner Biografie? Existieren Parallelen zwischen den traumatischen Erlebnissen und der Dramaturgie des Kunstwerks? Welches soziale Gesamtsystem (vielleicht eine bestimmte Gesellschaftsschicht oder eine geschlossene Heilanstalt) und welche sozialen Subsysteme (vielleicht eine Familie oder ein Psychiaterteam) werden wie und warum gerade so in Szene gesetzt? Zeigt die Art dieser Inszenierung Affinitäten zur Familiengeschichte des Künstlers? Ist das Kunstwerk der Versuch, ein Trennungserlebnis zu verarbeiten? Ist es ein Selbstheilungs-Produkt? Versucht der Künstler affektlogische Strukturdefizite oder körperliche Mängel auszugleichen? In welchem Erlebenszustand mag er sein Werk geschaffen haben? Welche Psychodynamik liegt dem Kunstwerk zugrunde? Hat hier möglicherweise ein bestimmtes Psychosystem - vielleicht das ICH-IDEAL oder das ES - schwerpunktmäßig den Pinsel, die Feder oder Regie geführt? Welchen Zweck verfolgt der Künstler mit seinem Werk? Will er soziale Missstände aufzeigen? Will er aufklären? Will er Aufsehen erregen? Will er seinen persönlichen Narzissmus befriedigen? Wer mag dem Künstler unbemerkt über die Schulter geschaut haben, als er sein Werk schuf, welcher stille Beobachter hat möglicherweise mitkonstruiert? Der frühverstorbene Vater oder Bruder? Andererseits: Für welche(n) Beobachter hat der Künstler sein Werk geschaffen? Welche emotionalen Prozesse will er bei ihnen/ihm auslösen? Welche psychischen Subsysteme werden beim Beobachter besonders stark affiziert? Ist das Kunstwerk vielleicht eine projektive Identifikation, bei der der Künstler via Werk einen Erlebenszustand in anderen Menschen hervorrufen will, den er selbst nicht erleben kann? Welche inneren Notwendigkeiten brechen sich im Kunstwerk Bahn? Was verbirgt sich an Erlebnissen und Informationen hinter den beobachtbaren Erscheinungen? Welche latente Bedeutung hat Symbol X auf einem Gemälde? Welcher verborgene Sinn oder welches Motiv kommen in der beobachteten Handlung Y zum Ausdruck?

 

1. Fall-Beispiel: W. Shakespeare: King Lear

Anschauliche Beispiele, wie verborgene Impulse offensichtliche Vorsätze konterkarieren und rationales Denken durch emotionales Erleben ausgehebelt wird, finden sich zuhauf in den Dramen von William Shakespeare (1564-1616).

Das Drama – erstgeboren aus dem griechischen Dionysoskult und wiedergeboren aus der christlichen Liturgie des spätmittelalterlichen Europa – ist stilisierte Simulation sozialer Kommunikation und Interaktion par excellence. Als operativ geschlossener Erlebniszusammenhang mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende ist es durch und durch selbstreferentiell, und seine Selbstreferentialität unterscheidet es von allem anderen, also von Welt.

Wieder die Zwei-Seiten-Form: Auf der einen Seite das Drama, auf der anderen Seite die Welt, obwohl das Drama natürlich in der Welt stattfindet. Auf der einen Seite die Fiktion, das Spiel, auf der anderen Seite die Realität. Doch welche eigentlich?

 

            All the world's a stage,

                And all the men and women merely players;

                They have their exits and their entrances.

                               (Shakespeare, As you like it/II, 7)

 

Haben Shakespeare, Goffman und Co. nicht recht? Spielen wir nicht alle Theater? Ist das Drama möglicherweise nur ein Drama in einem anderen Drama: dem Drama der Welt; ein Theaterstück in einem anderen Theaterstück, das der Demiurg zu seiner Erbauung im theatrum mundi aufführen lässt? Ganz so, wie in Calderón de la Barcas »Gran teatro del mundo«, wo Gott – der unbewegte Beweger – die Rollen verteilt. „Ich bin”, sagt Krishna in der Bhagavad-Gita „und ich betrachte das Drama des Werks.”           

Schauen wir mal, wie es King Lear in seinem Lebenstheater auf der anderen Seite des stratifikatorisch geschichteten England unter Elizabeth I. ergeht. Im wohl der keltischen Mythologie entnommenen Königsdrama, einem der vollkommensten Stücke Shakespeares, gibt es eine enge Verbindung zwischen Lears libido-durchtränkter Sorge um seine Erbnachfolge und seinen politischen Herrschaftsambitionen.

Der King agiert in zwei grundverschiedenen Systemwelten, in einer familiären und einer politischen; die beide mit inkommensurablen Leit-Codes (Liebe und Macht) und unterschiedlichen Kommunikationsformen operieren. Konfliktäres scheint vorprogrammiert. Zur Geschichte:

Lear hat keinen direkten Thronnachfolger, sondern drei Töchter, von denen ihm die jüngste, Cordelia mit Namen, besonders am Herzen liegt. Sie ist ein Objekt libidinöser Besetzung; macht einen besonderen Unterschied in Lears Affekthaushalt. She is a difference, which makes a big difference. Oder noch anders: Lear und Cordelia bilden innerhalb des königlichen Familiensystems ein dyadisches Subsystem mit spezieller affektlogischer Beziehungsstruktur, die beim König zu verzerrter Realitätswahrnehmung mit verheerenden politischen Folgen führt.

Mit der unerlässlichen Dreiteilung seines Königreichs, bei der er Cordelia anfangs zu übervorteilen gedenkt, verfolgt Lear zwei zentrale Zielsetzungen: Die eine lautet »Herrschafts-Kontinuität« und ist ihm bewusst, der Selbstbeobachtung zugänglich; er hat viel Überlegungen darauf verwandt; die andere heißt »Regelung der Erbfolge« und ist ihm nicht bewusst, unbeobachtbar für ihn selbst als Beobachter erster Ordnung – beobachtbar aber für den Verfasser als Second-order-observer –, beeinflusst aber maßgeblich sein Selbsterleben und Verhalten.

Lear muss im Grunde eine politische und eine familien-psychologische Lösung von jeweils autonomer Qualität finden. Kommunikation und Handlung zeigen allerdings, dass er von unbewussten Motivkräften gesteuert wird, die in Konflikt mit seinen politischen Verpflichtungen stehen. Konkret: Seine Lieblingstochter Cordelia steht vor der Wahl zwischen zwei Ehepartnern. Lear möchte Cordelia lieber in die Hände von Burgundy als von France geben, weil Burgundy der mächtigste Herrscher des Kontinents ist. Eine Allianz mit ihm würde sicherstellen, dass seine beiden anderen Töchter, Regan und Goneril, Cordelia niemals überwältigen könnten. Die Sicherheit des Königreichs wäre garantiert.

Bei der Konstruktion dieser Allianz aber verhält sich Lear höchst irrational. Zunächst fordert er seine Töchter auf, sie mögen ihm öffentlich ihre Liebe erklären. Nach Maßgabe der proklamierten Liebe will er das Reich dreiteilen.

 

Tell me, my daughters, (Since now  we will divest us both of rule, Interest of territory, cares of state)

Which of you shall we say doth love us most? (Act I, Scene I)

 

Während Goneril (Sir, I love you more than word can wield the matter ...) und Regan (I am made of that self metal as my sister ...) in theatralisch ausschweifenden Worthülsen ihre übergroße Liebe beteuern, verweigert sich Cordelia derart oberflächlichen Anpreisungen (... since I am sure my love's more ponderous than my tongue). Lear verstößt Cordelia, weil er ihre wortlose, unscheinbare Liebe nicht erkennt. Folgenschwerer Fehler eines alten Mannes, der dem Schein schöner Phrasen mehr Glauben schenkt als dem wahren, aber stillen Sein der Fakten. Der Kopf macht eben die Welt. Damals wie heute.

Freud hat in seiner Abhandlung »Das Motiv der Kästchenwahl« (1913b) auf die vielfältigen Erscheinungsformen der Wahl zwischen drei Frauen (Alternativen) in Dichtung, Märchen und Mythos hingewiesen. Im sogenannten Paris-Urteil hat der Hirte die Wahl zwischen drei Göttinnen: die jüngste ist ihm die schönste. Grimms Aschenputtel ist ebenfalls eine Jüngste, die der Königssohn den beiden Älteren vorzieht. Psyche im Märchen des Apulejus ist die jüngste und schönste von drei Schwestern. Im »Merchant of Venice« wird die Unterscheidung zwischen drei Möglichkeiten dramatisiert. Die schöne Porzia ist durch ihres Vaters Willen daran gebunden, nur denjenigen zum Manne zu nehmen, der von drei vorgelegten Kästchen (aus Gold, Silber und Blei) das richtige, das ihr Bildnis enthält, auswählt.

Dass Lear nicht die Wahl zwischen drei Braut-Frauen hat, gleich Paris und Co., sondern zwischen drei Töchtern wählen muss, ist evidentermaßen auf sein fortgeschrittenes Alter zurückzuführen. Senilität ist möglicherweise mit ein Grund für den gewaltigen Mangel an kognitivem Differenzierungs- und empathischem Einfühlungsvermögen in die affektlogischen Eigenwelten seiner Töchter. Wie auch immer.

Kybernetisch-psychoanalytisch gesehen ist Lears Forderung zum öffentlichen Liebesbeweis überdeterminiert: Er hat mehrere Motive für seine Forderung und will mehrere Ziele erreichen. Politisch würden offizielle Liebesbekundungen vom gesamten Hof als Loyalitätsbeweise betrachtet. Die Töchter würden ihr Einverständnis mit der Teilung des Königreichs und mit der fortdauernden Anwesenheit ihres Vaters zum Ausdruck bringen. Denn Lear plant, mit der schlagkräftigen Streitmacht von einhundert Rittern bei Cordelia zu leben. Was für ihn die entfaltete Paradoxie bedeutet, zugleich König und kein König zu sein; das Reich so zu sehen, wie er es eigentlich nicht sehen kann, weil es einen Blick hinter seinen eigenen Tod erfordert. Paranoide Vorstellung. Er scheint von der wahnwitzigen Idee besessen, seinen eigenen Tod zu überleben. Grotesk  auch, dass ein König sein Reich noch vor seinem Tod in die Hände seiner Tochter geben will. Alles Beobachtungen, die auf tiefere Konfliktstrukturen hinweisen.

Cordelia beobachtet die manifesten und latenten Gefahren, die ihr Vater für ihr persönliches Glück darstellt und verweigert die verlangten Liebesbekundungen. Lear erlebt diesen Treuebruch als zutiefst verletzend – umso mehr, als er von einem unbewussten Inzestwunsch getrieben wird – und reagiert im wahrsten Sinne des Wortes kopflos. Er tut gerade das, was seinen ursprünglichen Plan zur Stabilisierung seiner politischen Herrschaft konterkariert; teilt sein Königreich in zwei gleich große Teile und übergibt sie Regan und Goneril, wohl wissend, dass sich beide spinnefeind gegenüberstehen. Damit verkehrt sich Lears Plan, den Frieden zu wahren, in die Garantie eines Krieges.

Betrachtet man Lears Dilemma, oder das von Napoleon, Amphitryon, Hamlet, Othello, Faust, Ödipus etc., aus Sicht eines Beobachters höherer Ordnung, so handelt es sich im Grunde um individuelle Varianten eines Universal-Konflikts, der mit dem In-der-Welt-sein verbunden ist und alle Menschen gleichermaßen betrifft.

Ich spreche von Ambivalenz als anthropologischer Grundausstattung. Alles in dieser Welt hat seine zwei Seiten, heißen sie nun ICH und ICH-IDEAL, Sein und Nicht-Sein, Ambition und Konvention, Wissen und Nicht-Wissen, Liebe und Hass, Wunsch und Schuldgefühl, Selbstbehauptung und Fremdbestimmung. Leben heißt Ambivalenz ertragen, heißt Gegensätzliches zur Einheit bringen, heißt unterscheiden und die Unterscheidung vergessen. Glücklich ist, wer vergisst, was einmal entschieden ist, könnte man Johann Strauß (Fledermaus) paraphrasieren.

Kunst in ihren vielfältigen Ausdrucksformen kann die tragischen und tragikomischen Lebenskonflikte aufgreifen und auf eindringliche Art und Weise beobachtbar machen. Sie kann helfen, tieferes Selbst-Verständnis und angemessene Frustrationstoleranz zu entwickeln, um mit den normalen Psychopathologien des Alltagslebens besser fertig zu werden. Sie kann darüber hinaus irritierend und sensibilisierend zu verschärfter Wahrnehmungs- und Kritikfähigkeit gegenüber Kultur und Gesellschaft führen; kann zum Hinterfragen des Nicht-Hinterfragbaren anregen. Schließlich will sie nicht nur therapieren und auch nicht nur belehren und erfreuen, sondern immer auch revolutionieren.

 

2. Fall-Beispiel: Freud im Surrealismus

Der Surrealismus entwickelte sich aus gesellschafts-pathologischem Nährboden oder genauer: aus einer kollektiven Sinnkrise. Frankl würde von »noogener« Massenneurose sprechen. Man stand im dritten Dezennium des 20. Jahrhunderts. Zeit des blühenden Industriekapitalismus. Der Mensch denaturierte zum gepeinigten Knecht einer seelenlosen Produktionsmaschinerie. Ratio-technoide Autokratie. Kein Platz für sinnlich-emotionale Lebensqualitäten. Ebenso wenig für religiöse Glaubensvorstellungen. Gott ist tot, proklamierte weiland Friedrich Nietzsche. Der Neue kam aus der Retorte: Deus ex machina: Alle Macht der Maschine. Leitspruch der Futuristen à la Marinetti und Boccioni. Quantitäten dominierten Qualitäten. Die Welt tanzte ums goldene Kalb und frönte dem Bruttosozialprodukt. Fortschritt?

Zwangsläufige Folgen dieser schizoiden Lebensverbrämung waren Frustrationen primärer, sekundärer und tertiärer Art: Qualvoller Selbst- und Weltverdruss. Horror vacui. Angst. Zustände, die insonderheit die hypersensible Künstlergemeinschaft in Mitleidenschaft zog. Suche nach Möglichkeiten der Kompensation. André Breton fand sie stellvertretend für seine Zunft in der Sphäre des Unbewussten, die ihm als biophiles Gegengewicht zum nekrophilen Technizismus erschien.

Breton suchte 1922 Sigmund Freud auf, der das Unbewusste beobachtbar gemacht und mit seinem Hauptwerk »Die Traumdeutung« nicht nur neue Erkenntniswege zum besseren Verständnis individueller Affektlogik aufgezeigt, sondern zugleich ikonologisch-archaisch-sinnliche Erlebniswelten erschlossen hatte. Angetan von den vielversprechenden künstlerischen Möglichkeiten, die das bilderträchtige Unbewusste bot, arbeitete Breton mit Hilfe der Psychoanalyse eine Ästhetik aus, der er – zusammen mit seinem Dichter-Freund Guillaume Apollinaire – den Namen »Surréalisme« gab. Sein Leitspruch: Habt Vertrauen zum unerschöpflichen Wesen der reinen inneren Botschaft.

Die surrealistischen Exponenten wollten auf regressiv-introspektivem Wege jene zeitgenössischen Frustrationen und Deprivationen kompensieren, wollten das Innere nach außen kehren, um den zivilisationskranken élan vital durch Imaginäres, Irrationales, Chimärenhaftes, neu zu beleben. Sie intendierten im Grunde eine Re-Romantisierung der Welt, wie 150 Jahre zuvor Schlegel, Novalis und Schelling mit ihrer permanenten Revolution, deren Schlagworte: »philosophischer Terror«, »gedankliche Weltvernichtung«, »Ich-Welt-Identität«, »Entäußerung der Innerlichkeit«, »künstlich geordnete Verwirrung«, »Symmetrie der Widersprüche«, »arrangiertes Chaos« und »Paradoxierung des Denkens« eine Mentalität zum Ausdruck brachten, die sich absolut setzt, nichts außer sich selbst anerkennt, die Welt negiert und in diesem Sinne psychotisch ist. „Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke”, schrieb Goethe.

Primäre Intention der Révolution suréaliste war die im Deuxième Manifeste formulierte Aufhebung der scheinbar unvereinbaren Paradoxien menschlichen Daseins.

 

„Allem Anschein nach gibt es einen bestimmten geistigen Punkt, von dem aus Leben und Tod, Wirkliches und Phantastisches, Vergangenheit und Zukunft, Mitteilbares und Unmitteilbares, Oberes und Unteres nicht mehr als widersprüchlich erscheinen. Die surrealistische Praxis hat keinen anderen Beweggrund, als die Hoffnung, diesen Punkt zu erfassen.“ (PASSERON O.J./33)

 

Binär präzisiert lautet das formal-gestalterische Unterscheidungs-Procedere, durch das sich das surrealistische Kunstwerk selbstprogrammierend finalisiert und differenziert: Vermeidung sozio-kultureller Konventionen bei Bildauswahl, -aufbau und -ausdruck; Beibehaltung naturalistischer Detailgenauigkeit der abgebildeten Erlebniselemente.

Wie keine andere Kunstrichtung schöpft die surrealistische Malerei aus dem dämonischen Unbewussten mit seinem schier grenzenlosen Reservoir an obskuren Gestalten und polyvalenten Symbolen. Absonderlichste Motive bevölkern die Leinwände. Bei Max Ernst, der persönlichen Kontakt zu C. G. Jung pflegte, sind es archaische Landschaften mit riesigen Gestirnen, naturmythische Zwitterwesen, animalische Archetypen, Gestrüpp-Dryaden, obszöne Wucherungsfragmente, ins Bombastische katapultierte Mikrowelten feucht-gefräßiger Sumpfböden, schwülstige Allegorien des bellum omnium contra omnes, satanische Trieb-Motoriken aus Hunger und Geschlecht. Ähnlich konvulsivisch-zuckende Horror-Szenarien mit oftmals sexuell-perversen Traum-Elementen treiben André Masson um.

 

 

(siehe Max Ernst: Frühstück im Grünen)

Auch der exzentrische Freudianer und Meister des Anti-Obskurantismus Salvador Dali schöpft reichlich aus dem Spannungsfeld zwischen Sexualität, Aggressivität und Traum-Illusion. Mit seiner autopoietischen activité paranoiaque-critique: méthode spontanée de connaissance irrationelle basée sur l´association interprétative-critique des phénomènes délirants, die Ähnlichkeit mit Novalis' »magischem Denken« und dem »freien Assoziieren« zeigt, versucht Dali eine kritisch-deutende Enttyrannisierung ES-iger Tyrannei, will das Dämonisch-irrationale rationalisieren. Wie vor ihm der Dadaist Hans Arp, der im Zustand kalkulierter Ekstase das kosmische Urplasma auf die Leinwand schleuderte gleich Zeus seine Blitze. Und natürlich müssen wir den Expressionisten – oder sollte man besser sagen: den Neo-Naturalisten? – Joyce erwähnen, der mit »Ulysses« einen kybernetisch-psychoanalytischen Roman schuf, in dem Personen, Dinge, Situationen und Zustände sich in ihrer vitalistisch-irrationalen Eigensprachlichkeit selbst beschreiben: auto-thematisierend ausdrücken, was sie an sich und in sich selbst sind. Dali, Arp und Joyce wollten, wie vor ihrer Zeit Novalis, das autopoietische Kunstwerk als ein sich selbst Produzierendes.

Dali kapriziert sich bei seinen erzwungenen Inspirationen insbesondere auf den Traum, will des ‚kurzen Wahnsinns Sinnlosigkeit‘ kunst-sinnig systematisieren. Statt sich traumhaften Visionen passiv hinzugeben, gleich Robert Desnos und René Crevel, der Briefträger, macht sich der polymorph-perverse Spanier explizit zum Grenzgänger zwischen Realität und Wahnsinn. Er ist Second-order-observer einer selbstprogrammierten Psychose, erlebt den Wahn, ohne sich in ihm zu verlieren, reflektiert sich im Wahnhaften, steht außerhalb seiner selbst und beobachtet sich als Anderer, ist zugleich Jekyll und Hyde, Psychiater und Patient, was einer ICH-Spaltung gleichkommt. Frei assozigierend bringt er seine oft pornographischen und nekrophilen Eingebungen zur sinnlichen Anschauung. Er ist ein Virtuose des extraordinären trompe l´oeil, zurückzuführen auf die handwerkliche und ästhetische Aneignung manieristischer Maltradition.

Nach dem »Grand Masturbateur« (1929) erscheint »Wilhelm Tell« auf diversen erotischen Werken, die sogar Kotfressen darstellen. Dalis Vorliebe für das Anal-perverse, Skatologische, führt letztlich zu Auseinandersetzungen mit der Surrealistengemeinde und macht ihn zu einem Exoten unter Exoten. Haftmann (1962) findet plastische Worte zu Dalis wahnwitzigen Gemälden:

 

„Da sieht man vor weiten Landschaften wüste Monumente aus faulig zusammengestückten Gliedmaßen, groteske menschliche Wesen hängen sinnierend wie Ballone in einer erstarrten Luft, feste Dinge zerfließen weichlich, Uhren hängen wie quallige Lappen über absurdem Geröll, in unendlichen Landschaften treten absurde Wesen einer wüsten, erotisch überheizten Phantasie auf.”

 

Schizoid ist die persönliche Teilnahmslosigkeit, die chirurgische Distanz und nüchterne Sachlichkeit, die aus Dalis Werken spricht. Ähnlich wie Jean-Paul Sartre im Literarischen versuchen Dali und Co. eigene emotionale Strukturdefizite virtuell zu kompensieren. Wobei sich oft solche Symbole zwanghaft ins Bild drängen, die psychisch nicht adäquat integriert sind und somit ein isoliertes Eigenleben führen. Die auf vielen seiner späten 1930er-Gemälde auftauchende Gottesanbeterin beispielsweise, dokumentiert auf‘s Anschaulichste Salvadores infantile Furcht vor dem (Wieder-)Verschlungenwerden vom phallischen Mutter-Universum. Der Katalane propelliert quasi auf einer imperfekten Erlebnissequenz namens »Macht-Mutter« und versucht ihr malend den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Dass bei virtueller Dauer-Präsenz weiblicher Omnipotenz äquifunktionale oder funktionsäquivalente Anarchisten, Borderliner, Cyclothymiker, Don-Juanisten, Eunuchen, Fantasten, Gebärneidige, Homosexuelle, Impotente, Jammerdepressive, Kontraphobiker, Lustmörder, Machos, Nekrophile, Okkultisten, Pansexuelle, Querulanten, Richter, Sittenstrolche, Transvestiten, Urologen, Vampire, Wiederholungstäter, Xenophobiker und Zwangsneurotiker in entdifferenzierten Kombinationen autodynamisch den Pinsel schwingen, ist strukturtechnisch nicht unwahrscheinlich.

 

Surrealismus und Autodestruktion

Jene Versprechungen, die André Breton seinen künstlerischen Zeitgenossen hinsichtlich der heilsamen Kraft des Unbewussten gemacht hatte, führten nicht zur ersehnten Neutralisierung, sondern zur Verschärfung des Konflikts zwischen subjektiv empfundenem Sinn-Mangel und fremden mythischen Erlebnissymbolen. Die Enttäuschungen waren gewaltig, die Aggressionen demoralisierend. Viele Surrealisten wie Jacques Digaut, René Crevel und Kurt Seligmann begingen Selbstmord. Antonin Artaud wurde geisteskrank.

In seiner Monographie über den Surrealismus spricht Waldberg 1962 von den Höllenfahrten seiner Adepten, von fieberhaften, zerrissenen Existenzen mit dem Willen zum echten Wahnsinn, der die Grenzen des Daseins durchbricht, „um in der Kunst eine höhere und wahre Wirklichkeit zu erobern.”

 

3. Fall-Beispiel: Marc Chagall

 

„Zurück zur Kindheit, zum Vaterland, zum Glaubenkönnen,

zum Liebenkönnen, zur verlorenen Naivetät:

Rückkehr zum Unwiederbringlichen.”

Hugo von Hofmannsthal (1950)

 

Auch Chagall schöpft seine burlesken, traumhaften, visionären und religiösen Inspirationen – man denke an seine fliegenden Liebespaare, rotfarbenen Kühe, grünen Gesichter und blauen Häuser, an »Der Winter«, »Adam und Eva«, »Die weiße Kreuzigung« und »Die Zeit ist ein Fluss ohne Ufer« – aus unbewussten Quellen seiner Kinderzeit.

Geboren am 7. Juli 1887 im Bauerndörfchen Witebsk im zaristischen Russland, wuchs Chagall in einer Judengemeinde auf, die sich aus Anhängern einer mystischen Erweckungsbewegung, dem Chassidim (»chassid« bedeutet im Hebräischen »fromm«) zusammensetzte. Romantisch-psychoanalytisch-konstruktivistisch-surrealistisch klingender Lebensgrundsatz dieser im 18. Jahrhundert gegründeten Glaubensgemeinschaft ist, dass der Mensch Gott und die Welt erleben kann, wenn er in die Tiefen seines eigenen Selbst hinabsteigt.

Mit dieser und ähnlichen Weisheiten ist Chagall groß geworden, sie haben seine affektlogische Eigenwelt ebenso bestimmt wie die Gebote der in armen Verhältnissen lebenden Eltern, und man hat beim Betrachten seiner Kunstwerke den Eindruck, sie alle hätten als »unbewusste Beobachter« und »virtuelle Impulsgeber« des Malers Hand geführt. Das stark religiös und ethisch-moralisch geprägte Selbsterleben des Kindes hatte im erwachsenen Chagall eine übergewöhnliche Präsenz.

In welche Welt-Winkel ihn sein Lebensweg auch führte, ob nach Berlin, Petersburg, Moskau, New York, ob nach Palästina, Holland, Spanien, Polen, Italien, Mexiko oder Frankreich, wo er 1966 in den Pinienwäldern über Saint-Paul-de-Vence an der Côte d'Azur seinen Altersruhesitz »La Colline« fand; Chagalls eigentliches Zuhause ist die Kindheit. Er ist ein kosmisches Kind. Sein gesamtes, von überwältigender Produktivität gekennzeichnetes Œuvre thematisiert Sehnsucht nach der verlorenen Zeit der Kindertage, jener Zeit vermeintlich grenzenloser Unbeschwertheit, in der alles möglich scheint, jede Minute, jede Stunde, jeder Tag neue, geheimnisvolle Abenteuer birgt; die problemlos mit denen von Astrid Lindgren und Lewis Carroll konkurrieren können.

Wie die Welt des Kindes sind die Werke Chagalls voller zauberhafter Magie und Poesie, aber auch voller eigenartiger Melancholie. Das Idyllisch-verklärte der Kindheit, nach dem sich auch Hölderlins elegischer Hyperion so hingebungsvoll sehnt, hat dieser Dichter in ein poetisch geschlossenes System gegossen, das auf einmalige Weise die Gefühlsqualitäten jener Vergangenheit heraufzubeschwören imstande ist, die den Betrachter von Chagalls Werken überkommen mögen.

 

            Guter Carl! - in jenen schönen Tagen

                Saß ich einst mit dir am Nekkarstrand.

                Fröhlich sahen wir die Welle an das Ufer schlagen,

                Leiteten uns Bächlein durch den Sand.

                Endlich sah ich auf. Im Abendschimmer

                Stand der Strom. Ein heiliges Gefühl

                Bebte mir durchs Herz ...

                (Hölderlin z. n. BEISSNER I, 19)

 

Es ist dieses qualvolle Nie-mehr-wieder, dieses Es-war-einmal, das den Betrachter Chagall‘scher Werke in seinen Bann zieht. Das Unbeobachtbar-Präsente, mit-sinnierte Andere seiner Gemälde bringt unser Unbewusstes zum Schwingen und Singen. Kraftvolle Koppelungen unverbildeter Ursprünglichkeit. Affektlogische Erlebensharmonie. Psychosomatischer Gleichklang auf beiden Seiten.

Das Dargestellte ist meist antirealistisch oder antinaturalistisch und doch von so tiefsinniger Wahrhaftigkeit, wie sie nur archetypische Symbolik ausdrücken kann.

Chagall hat sich ein Leben lang – gleich Leonardo und Proust – Zugang zur eigenen Kindheit bewahrt und malte vermutlich deshalb bevorzugt zur Musik von Mozart, einem anderen großen Menschen mit kindlichem Herzen. Er ist von sentimentalischer Naivität; ein Genius im Schiller‘schen Sinne.

Versuchen wir einmal, dem Geheimnisvoll-Tiefgründigen in Chagalls Werken am Beispiel des kubistisch angehauchten »Russland, den Eseln und den anderen« aus den Jahren 1911/12 auf den Grund zu gehen.

 

Das Werk imponiert durch kafkaeske Abstrusität: ein groteskes und bizarres Tohubawohu dahingeworfener Zeichen und Symbole. Desorganisation, Fragmentierung, Deplatzierung scheinen des Malers Devise gewesen zu sein. Prima vista jedenfalls.

Die suspekte Szenerie erinnert an lautréamontsche Sequenzen aus Bunuel/Dalis »Le chien andalou«. Ein grünes Lämmchen und ein grüner Knabe saugen am Euter einer rotfarbenen Kuh mit Hörnern und hochgestrecktem Schwanz, die auf einem gelben Hausdach steht. (Wir erinnern uns hier an die altägyptische Muttergöttin Hathor.) Rechtsseitig wölbt sich die blaue Kuppel einer Kirche. Vom dunklen – nur durch einzelne Lichtkleckse aufgehellten – Firmament schwebt eine geköpfte Frau. Ihr Torso hält am linken, nach unten gestreckten Arm einen grünen Eimer, der fast das Hinterteil der Kuh berührt, während der rechte Arm nach oben greift. Der abgetrennte Kopf ist entgegen dem Körper in imaginärer Aufwärtsbewegung begriffen. Mund und Augen sind weit geöffnet, zum Himmel hin, als erflehten sie irgendeine Art von göttlicher Hilfe.

Möglicherweise ist das Gemälde eine Art Reaktionsbildung auf traumatische Hilflosigkeitsgefühle in frühkindlichen Zeiten. Einst passiv ertragenes Leid scheint aktiv in künstlerische Formen gegossen und somit kontrolliert und kompensiert. Ehemalige Agonie mutierte zu Extase. Schmerzhaft-dramatisches im Dort-und-Damals wurde zum lustvollen Happening im Hier-und-Jetzt. Präinfantile Affekt-Störungen, entstanden im Interaktionskontext mit unempathischen Selbstobjekten, könnten in diesem Werk nachträgliche Verarbeitung gefunden haben; was unserer These, Kunstschaffen sei der Versuch, ICH-Strukturdefizite und andere psychische Dysfunktionen auszugleichen, weitere Nahrung gibt.

Die psychomotorische Dynamik kurzgefasst:

Hilflosigkeit/Passivität/Ohnmacht ® Fantasie von Rache und Macht ® Reaktionsbildung und/oder Sublimierung ® Künstlerische Produktion ® Befriedigung/Affektlogische Selbststabilisierung.

Bei einem Nicht-Künstler könnte der Prozess alternativ so ablaufen:

Hilflosigkeit/Passivität/Ohnmacht ® Fantasie von Rache und Macht ® Erotisierung der Fantasie ® Sexuelles Agieren (Perversion) ® Befriedigung/Affektlogische Selbststabilisierung.

Folgende bewusst-unbewussten Fluktuationsprozesse könnten Chagall beim Schaffen „Russlands“ durch‘s Hirn geschossen sein: »auf‘s dach zum himmel – oh großvater (Dieser hatte sich einst auf dem Dach des Hauses versteckt, wo er genüßlich Karotten verspeiste.) – die welt kann mich – much adoo about nothing – erwachsene quälgeister –scheiß auf regeln – schluss aus – warte tumbe trockenamme – dummes pflichtgestell –rübe ab – mutter ich bleibe – kindsein – wie wahr wie wahr – unschuldig wie die lämmer – gott ist überall – agnus dei – alles ist gut – ja ja saugend mich laben an brüsten – gott ist eine kuh mit riesigen eutern – oh gott mutter – mutterbrust schützt vor frust – aimer aimer aimer – alles ist schmerz – magnifique – blau – gelb – grün – rot tut not – alles im lot.«

Wie gesagt, das könnten Chagalls – für ihn selbst und viele andere schwer beobachtbare – Erlebnisfetzen bei der Werk-Produktion gewesen sein. Aber, alle Konstruktivisten werden’s bestätigen, könnte in des Malers Kopf auch anderes abgelaufen sein, wie immer alles ganz anders sein kann. Wichtig war mir zu zeigen, dass mit Hilfe der Kybernetischen Psychoanalyse auf plausible Art und Weise das Unbeobachtbare beobachtbar gemacht werden kann.

 

 

4. Fall-Beispiel: René Magritte

 

„Jedes Ding, das wir sehen, verdeckt ein anderes,

und wir würden sehr gerne sehen,

was uns das Sichtbare versteckt.”

René Magritte (1964)

 

Gleich Chagall hat der im belgischen Lessines geborene Magritte (1898-1967) eine Vorliebe für Esoterisch-Poetisches. Besonders augenfällig in seinen Gemälden »Alice au pays des merveilles«, »Les heureux présages« oder »Le domaine enchanté«. Malerei ist ihm Poesie. Poesie beschwört das Mysterium, das ES-hafte, Verborgene, Hintergründige, auch Bizarre. Anders aber als der Russe kreierte der Belgier eine ganz neuartige Malkunst, die nur punktuelle Verbindungen zum Impressionismus, Kubismus, Futurismus, Dadaismus und Surrealismus hat.

Zwar fällt es nicht schwer, ihn mit beiden letztgenannten Richtungen in Beziehung zu setzen, dennoch sprechen aus seinen Werken höchst selten Sarkasmus und Nihilismus à la Dada. Und von den orthodoxen Surrealisten unterscheidet er sich durch sein Kunstverständnis. Wohl schöpft er, wie Dali und seine Adepten, aus dem Reservoir des Unbewussten, allein mit dem Unterschied, dass bei Magritte nicht die Fiktion die Realität, sondern das ICH das ES dominiert. Insbesondere der späte Magritte war durch und durch Avantgardist und als solcher vor allem mysteriöser Realist.

 

„Ich male Bilder”, so der Meister, „die die Gegenstände in der Erscheinungsform darstellen, die sie in der Wirklichkeit haben, und zwar auf so objektive Weise, daß die verblüffende Wirkung, die hervorzurufen sie sich aufgrund bestimmter Mittel als fähig erweisen sollten, in der wirklichen Welt, der diese Gegenstände entlehnt waren, durch einen ganz natürlichen Austausch wiederzufinden ist.“ (nach BLAVIER 1981)

 

Er versucht die Grenze zwischen realer und fiktionaler Realität in Form von gemalten Paradoxien zu inszenieren, vertauscht innen und außen, will beide Seiten der Spencer-Brown'schen Form synthetisieren, realisiert die Einheit der Differenz von Bild und Welt im Bild. Sein marked space ist zugleich unmarked space. Man betrachte »Ceci n'est pas une pipe« und »La Condition Humaine I«.

Magritte ist Meister der Ent- und Verfremdung, der Deplatzierung und Neukombination von Menschen und Dingen. Ein Seelenverwandter Carrolls, der im achten Kapitel von »Alice im Wunderland« schreibt: „Die Kugeln waren lebendige Igel und die Schläger lebende Flamingos, und die Soldaten mussten sich umbiegen und auf Händen und Füßen stehen, um die Tore zu bilden.” Magritte probt wie Carroll die Unterminierung der Welt, stellt Sein und Sinn infrage, problematisiert die Relativität des Existenziellen, reiht sich ein in die philosophische Tradition von Cusanus, Bruno, Heidegger und Sartre und sympathisiert mit Konstruktivisten à la von Foerster und von Glasersfeld.

In keinerlei Antinomie zum mysteriösen Realistentum ist Magritte malender Konstruktivist mit einem Faible für die »Coincidentia Oppositorum«. Er will das Unwahrscheinliche wahrscheinlich und das Unbeobachtbare beobachtbar machen, will den Beobachter in Erstaunen versetzen durch darstellende Entfaltung von Widersinnigkeiten, will ihn herauskatapultieren aus dem Prokrustesbett orthodoxer Welt-Wahrnehmung. Er stürzt mentale Grenzen. Also ist er Revolutionär, wie Pablo Picasso, Harold Pinter, Lao-Tse und Groucho, Chico und Harpo Marx auf ihre Art welche waren. Affektlogische Struktur-Revolutionäre, die unsere kognitiv-affektiven Festungen in die Luft sprengen möchten.

Faszinierend an Magrittes Werken ist die Vereinigung des Unvereinbaren, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen und das Zusammenspiel des Nicht-Zusammengehörigen. Seine Bilder sind „schön ... wie die unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch”, um eine Formulierung des Comte de Lautréamont aus seinen »Gesängen des Maldoror« zu gebrauchen.

Unwillkürlich drängt wieder eine Szene aus »Un Chien andalou« ins Bewusstsein, in der ein Eselskadaver einem Konzertflügel »Ehre« macht. Und muss man nicht an Jesaja (11, 6/7) denken, der in seiner Vision vom Friedensreich das Zusammenleben der Tod-Feinde fordert?: „Die Wölfe werden bei den Lämmern wohnen und die Parder bei den Böcken liegen.”  

Mystisch durchdrungen ist auch Magrittes Verhältnis zur Liebe. Sein Hang zu verborgener Erotik, die solch sonderbare Beziehung zum Tod aufweist, mag damit zusammenhängen, dass sich seine Mutter im Alter von 41 Jahren (er war damals 14) bei Châtelet in der Sambre ertränkte. Man sagt gelegentlich, Magritte und seine beiden Brüder hätten die Leiche der Mutter gefunden, nur mit einem nassen Nachthemd bedeckt, das am Körper klebte. Allerdings gibt es für diese Begebenheit keine glaubwürdige Bestätigung. Der Maler selbst hat zu diesem Thema stets Stillschweigen bewahrt. Nichtsdestoweniger lassen viele Gemälde und Gouachen ein solches Erlebnis durchschimmern, besonders »La philosophie dans le boudoir« und »En hommage à Mack Sennett«, die beide ein Nachthemd mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen thematisieren.

Gesetzt den Fall, den Leichenfund hat‘s tatsächlich gegeben, können diese und sujetähnliche Werke als Versuche gewertet werden, das traumatische Erlebnis von damals affektlogisch zu verarbeiten und in die eigene Selbstorganisation zu integrieren, anstatt es zu verdrängen und abzuspalten.

 

Die nicht wenigen Artefakte, auf denen Magritte sich mit Frauen beschäftigt, suggerieren kein sonderlich starkes Interesse für Sex und Erotik an sich. Passion und Obsession liegen vielmehr in der unbewussten Beschwörung des weiblichen Mysteriums. Idealisierung statt Sexualisierung. Obligatorisch übrigens bei den südfranzösischen Troubadourlyrikern und deutschen Minnesängern des 12. und 13. Jahrhunderts. Sie dient dem Maler möglicherweise zur Abwehr von Schmerz und Trauer über den frühen Mutter-Verlust, stünde somit im Dienste struktureller Integration und Konsolidierung traumatischen Erlebens. Selbststabilisierung durch Idealisierung.

Das Virulente, Versteckte, Verdeckte ist Magritte wichtiger als das Augenscheinliche, hatten wir gesagt. Wenn er etwa ein Frauengesicht durch einen Blumenstrauß verdeckt, Männeroberkörper durch eine huttragende Decke versteckt, Köpfe durch aufleuchtende Blitzlichter ersetzt und Körper mit Wäsche vermummt, „so tat er das weniger, um sie zu verbergen, als vielmehr, um durch die Verschleierung den Eindruck der Fremdheit zu schaffen” (MEURIS 1990/21) und den Betrachter mit einer extraordinären Welt, einer Welt in oder hinter der Welt, zu konfrontieren. Siehe »L'invention de la vie« und »La ruse symétrique«.

Aus meiner wissenschaftlichen Perspektive besonders interessant ist »L'Assassin menacé« (Bedrohter Mörder)

 

Das Gemälde erinnert an eine eingefrorene Stummfilm-Szene. Ein elegant gekleideter Mann mit sauber gescheiteltem Haar beugt sich über einen Grammophontrichter. Seitlich links von ihm liegt eine nackte Frau auf einer Chaiselongue, aus ihrem Mund sickert Blut. Die Frau ist tot. Ist der Mann am Grammophon der Mörder? Dafür macht er eigentlich einen zu blasierten und unbeteiligten Eindruck! Er hat den drei am Fenster stehenden Beobachtern den Rücken zugekehrt und sieht auch die am vorderen linken und rechten Bildrand hinter Mauervorsprüngen versteckten, mit Keule und Netz bewaffneten Männer nicht, die ihn überwältigen wollen. Der designierte Mörder verhält sich gleichgültig gegenüber der offensichtlichen Bedrohung durch die Wirklichkeit, zirkuliert losgelöst in seiner affektlogischen Eigenwelt, operiert nach eigensinnigen, undurchschaubaren Gesetzen. Er hat es nicht eilig, hört Musik.

Andererseits weisen Koffer, Hut und Mantel auf Abreise hin. Oder ist er vielleicht erst vor kurzem angekommen. In welcher Beziehung steht er zur Toten? Ist er der Ehemann? der Bruder? der Geliebte? Oder womöglich Arzt? Ebenso suspekt die drei Männer am offenen Fenster. Müssten sie nicht irgendwas tun, angesichts der grotesken Szenerie, die sie beobachten? Fragen über Fragen. Die Antworten überlässt Magritte dem Betrachter.

‚Bedrohter Mörder‘ veranschaulicht sehr schön, dass mit der Zunahme von Beobachter-Ebenen eine Steigerung von Erkenntnisleistungen im Sinne von Sehen-und-Reflektieren-Können einhergeht.

Der Bild-Betrachter ist Beobachter dritter Ordnung (B 3), die im Gemälde dargestellten, von draußen durch das Fenster beobachtenden Personen und die beiden Männer im Bildvordergrund sind Beobachter zweiter Ordnung (B 2), während der Mörder selbst Beobachter erster Ordnung ist (B 1), der es eigentlich mit einem weiteren Beobachter, nämlich dem Opfer, zu tun hat, das aber kontextural zum »Ding« degradiert werden kann.

Aus Rezipientensicht geht es um die Beobachtung von Beobachtern, die einen Beobachter beobachten. Dabei gilt: B 2 kann sehen, was B 1 nicht sehen kann, und B 3 sieht mehr als B 1 und B 2 zusammen. Der Beobachter dritter Ornung könnte zum Beispiel die Frage stellen, warum die beobachtenden Personen (B 2) tatenlos schauen, anstatt einzugreifen. Eine Frage, die außerhalb der Welt von B 1 liegt (weil er B 2 nicht sieht) und die »B 2« nur beantworten könnten, wenn sie sich selbst beobachten würden. Painted Second-order-observing.

 

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